Walter El Nagar, geboren in Milan, ist kulinarischer Nomade und politisch ambitioniert, eine Mix, so spannend wie seine Gerichte und seine Geschichte. In Mexiko verliebte er sich, in Los Angeles wurde er kein Schauspieler (gut für die Liebhaber exzellenter Küche) und sein Pop Up Konzept erfreut inzwischen die halbe Welt mit Pasta & Co.

Wann hast du dich entschieden nach L.A. zu gehen und kein Schauspieler zu werden?
Das war 2008. Ich habe niemals an den amerikanischen Traum geglaubt, ganz im Gegenteil. Doch in einem Jahr, als es in Europa ungewöhnlich kalt war und viel schneite, bekam ich ein interessantes Jobangebot aus Beverly Hills. Letztendlich habe ich den Job nicht angetreten, aber er führte mich nach Mexiko, in die wunderbare Stadt San Miguel de Allende, dort verlor ich mein Herz und kehrte erst später in die USA zurück, um für 5 Jahre in Venice Beach zu leben. Einmal habe ich eine Rolle angeboten bekommen: In einer affigen Kochserie. Ich lehnte sofort ab.

Wieviel Schauspielerei fließt auch in dein Kochkonzept ein?
Auf der einen Seite zu viel und auf der anderen zu wenig. Ich erkläre es dir: Die ganzen Medien sind Teil eines Systems, das einige Starköche nutzen, um werbewirksam eine völlig falsche Vorstellung davon zu vermitteln, was Kochen wirklich ist.  Unglücklicherweise werden dafür Personen, aber auch Produkte, ganze Regionen und letztendlich die Kunden instrumentalisiert.

Wird das, was wir essen, immer besser oder nur verrückter, fremder?
Im Allgemeinen ist das Essen in Restaurants besser, die auch ungewöhnliche Wege beschreiten, es fließen immer mehr Faktoren ein: Die wirtschaftlichen Bedingungen, das Branding und natürlich das Marketing. Was ich an der heutigen Küche liebe, ist die Mixtur aus verschiedenen Kulturen und das öffentliche Bewusstsein, dieses auch so anzunehmen und zu interpretieren.

Welche Köche haben dich inspiriert und warum?
Ich bin Autodidakt, hatte keinen Mentor und habe nie für einen berühmten Koch gearbeitet. Ich weiß jedoch zu lesen: Hervé This ist ein Visionär und ein hervorragender Autor: Ein Held der modernen Küche, ein Antidemagoge, vor allen anderen. Davide Scabin ist respektlos: Ein Lob für eine so besondere italienische Persönlichkeit. Und natürlich Ferran Adria, von dem ich gelernt habe, dass ein kreativer Prozess keine Grenzen kennt.

Eine Frage an den Mailänder: Was hat Berlusconi zur Gastronomie beigetragen?
Dass eine ganze Generation von guten Köchen ausgewandert ist. Seine letzte Amtszeit als Premierminister ging mit einer Reihe verheerender Beschlüsse einher, die große negative Auswirkungen auf das Arbeitsrecht und die Rente hatten. Die Antwort der jungen Menschen? Sie gingen ins Ausland. So wie ich auch.

Ist es möglich ohne Pasta und Pizza glücklich zu werden?
Das Leben ist besser ohne Stereotype, meinst du nicht? Die Wahrheit ist doch, wenn jemand verschiedene Länder bereist wird er immer wieder neue beste Gerichte finden, ganz einfach weil er probiert. Ich habe das am eigenen Leib erfahren. Ich habe soviel Zeit damit verbracht, die beste Pasta und die besten Pizzen in Maine zu finden und kam mir wie ein Depp vor, als ich die Hummerrolle entdeckte. Oder Khachapuri in Russland, es gibt so viele Delikatessen!

Nachdem die mediterrane Küche die USA bereits eroberte, wissen die Amerikaner auch, wo sie uns jetzt finden?
Eine Vielzahl ist sehr intelligent, gut ausgebildet, reiselustig und versteht es, verschiedene Aromen zu erkennen und den Kulturen zuzuordnen, die sie kennen. Allerdings darf man auch nicht vergessen, dass es eine Zeit gab, in der sie unter italienischer Küche Hackbällchen und Pizza mit einer Unmenge von Käse verstanden.

Bist du glücklicher, wenn Gin Mare dein Essen begleitet?
Was ich liebe ist ein Negroni, und der Beste ist für mich mit Gin Mare. Das Unternehmen ist jung, neugierig, down-to-earth und innovativ. Die Resonanz in Barcelona und Ibiza ist großartig und jetzt bin ich gespannt, was uns in meiner Heimat Mailand erwartet. Danach geht es weiter!

Wie entstand das Konzept von Pop Up?
Es wurde aus den Bedürfnissen eines Kochs geboren, von seinen Vorstellungen über seine Arbeit. Es ist nicht immer so leicht, wie es scheint, es ist ein harter Job. Aber wenn du nur vorübergehend ein Lokal übernimmst, dann hast du eine Riesenfreude, auch an der damit verbundenen Logistik. Die Atmosphäre ist sehr dynamisch.

Was ist ein kulinarischer Nomade? Wie funktioniert eine Europa-Tour?
Das ist jemand, der einen Weg finden möchte, um seine kulinarischen und kulturellen Fähigkeiten weiter auszubauen, und das sucht er hinter einem sehr weiten Horizont. Die Tour läuft super. Wir waren in Barcelona als Gäste von Jorge Vidals Fooditeca. Dann ging es nach Russland und wir haben inmitten eines Waldes ohne Strom gekocht. Nun erfinden wir uns in Ibiza neu. Bald geht es nach Mailand, meiner Heimatstadt. Und danach? Wir werden sehen, vielleicht Asien.

Sag uns doch ein Gericht, dass wir so schnell zubereiten können, wie dieses Interview lesen.
Spaghetti mit Knoblauch und Öl!