STYLE Kunst & Design

Anne Hoenig
Anmerkungen zu „Time Slice“

25. March 2006 | 17:32
Wir besuchten die Künstlerin Anne Hoenig in Ihrem Atelier auf den Hügeln über dem Mornatal. Sie ist in Sonoma, Kalifornien geboren. Nach mehren Ausstellungen in den USA stellte sie 2000 das erste Mal in Europa im Libro Azul in Ibiza aus. Seit 2004 stellt sie die meisten ihrer Werke in der Galerie Loop in Berlin aus.
Während unseres Gesprächs gab sie uns einige Anmerkungen zu einer ihrer großen Serien: „Time Slice“ .
„Jede Arbeit ist wie ein festgehaltener Augenblick, wie eine Erinnerung, ein Zeitabschnitt, die gedankliche Zustände oder Formen des Bewusstseins beschreiben.
Die gedanklichen Räume von Hingabe, Scham, Verzweiflung, Schmerz, Kapitulation, Selbstachtung, Liebe, Unschuld, Stolz, Einsamkeit, Sehnsucht, Freude, Schönheit und Träumerei gehören zu den Themen dieses Werks.
Diese Gemälde könnten als zusammenhängende Reihe oder Erzählung angesehen werden, aber das stimmt nicht. Zwischen den einzelnen Werken gibt es keine gedankliche Verbindung.

Die beinahe physische Reaktion einiger Besucher beim Betrachten dieser Bilder resultiert daraus, dass jeder Einzelne die Physiognomie und Pose anders interpretiert und eine andere Einstellung zur Erinnerung hat. Es ist in der Tat so, dass weniger das tatsächlich Gesehene als vielmehr die Erinnerung verwendet wird, um dieses Werk zu verstehen. Die unendlich komplexe und raffinierte Sprache des Gesichts ist die einzige Sprache, die wir alle in der Kindheit lernen. Diese Interpretation anderer Personen ist notwendig für unser Überleben. Bei der Interpretation von Physiognomien sind unsere Fähigkeiten jedoch fehlerhaft. Die genaue Bedeutung entzieht sich unserer Wahrnehmung. Das Werk stellt sich dieser fehlenden Fähigkeit. Die Gemälde sind rätselhaft. Was ist es, was wir nicht sehen und lesen können? Was verbirgt sich hinter unserem Verstehen und hinter dem Rahmen?
Ich habe immer nur ein Modell benutzt, um Fragen nach der Identität einzugrenzen. Durch die Schaffung besonderer Umgebungen war ich bestrebt, die Erinnerung auf wenige Gedanken und Ideen zu reduzieren. Alle portraitierten Dinge sind Teile einer allgemeinen Erfahrung. Jedes Ding zeigt etwas Vertrautes. Wir wissen, das ist ein Schlafzimmer, wir wissen, das ist Gras oder Wasser, aber wir wissen nur wenig mehr. Folglich dienen die umgebenden Objekte als bildliche Erweiterungen ihres Gemütszustands. Wenn ein Mann portraitiert wird, so geschieht das auf eine Weise, die verhindert, dass er in den Vordergrund gerückt wird. Er ist vorhanden und doch verborgen. Er ist emotional anwesend und stellt dadurch unsere Anwesenheit in Frage.
Gemälde sind emotionale Generatoren. Das technische Geschick, die dichten und üppigen Oberflächen, die Ströme von Licht und die Einzelheiten sind nur Mittel, um tiefere und grundlegendere Emotionen zu wecken. Die Gemälde besitzen eine Aura – ausstrahlend und gleichzeitig auffordernd. Das Werk erforscht die Sprache der Gesten und das Erzählende der Pose. Es konfrontiert uns mit der ausdauernden, veränderlichen, flüchtigen und rätselhaften Natur von Erinnerungen. In der Präsentation liegt eine Intensität, die sich aus dem Wunsch ergibt, eine Wahrheit zu entdecken. Was ist es aber, was wir sehen? Die Qualität der Figuren liegt in ihrer Ungewissheit, - in einem Mysterium, das nicht erklärt wird.

Der Schlüssel zu diesem Werk liegt in der intimen Größe des bewahrten Augenblicks, in der Kraft der Gesten, um Emotionen hervorzurufen, und in den Gemütszuständen zwischen allen Handlungen.“

Jürgen Bushe      Jürgen Bushe
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