Dinosaur jr – „Give a Glimpse of what yer not“ (Jagjaguwar)

Schon seit über einer Dekade sind Dinosaur jr in ihrer legendären Gründungsformation nun wieder im Hier und Jetzt aktiv. Damit ist das Trio nicht nur zeitlich konsistenter als in den Pioniertagen Ende der 80er, mit dem Album Nummer vier kippt die Waage auch in Sachen Output zugunsten der Gegenwart. Die Erinnerung ist lautstark: Mit dem selbstbetitelten Debüt, der Sound-Breitseite „You’re living all over me“ und dem Songwriting-Geniestreich „Bug“ zementierten J. Mascis, Murph und Lou Barlow ein monumentales IndieRock-Werk, das alle nachfolgenden Generationen beeinflussen sollte. Nach längerer Trennung folgte 2005 die Reunion – und seitdem haut das Dreigestirn ein überzeugendes Album nach dem anderen heraus. Was „Give a Glimpse …“ von den drei Vorgängern unterscheidet? Das ohnehin hohe Niveau erreicht einen neuen Pegel, Songs wie „Tiny“, das krachende „Goin Down“ oder das filigran-traurige „Be a Part“ gehören zum Besten, was Dinosaur jr jemals unters Volk gebracht haben. Könnte im Leben doch alles so einfach sein wie die schluffig-verlässliche Geschmeidigkeit, mit der Mascis seine Soli vergoldet.

Beginner – „Advanced Chemistry“ (Vertigo)

Beginner are back: Einer der größten, erfolgreichsten und stilprägendsten Hip-Hop-Acts made in Germany meldet sich mit einem neuen Album zurück. Vor über 20 Jahren, damals noch als Absolute Beginner unterwegs, gehörten die Jungs aus Hamburg, genauer gesagt aus Eimsbush, wie sie ihre Bronx Eimsbüttel nannten, zur Speerspitze des ultra-angesagten Rap hierzulande. Songs wie „Liebes Lied“ oder „Hammerhart“ gerieten zu echten Klassikern. Nach dem Album „Blast Action Heroes“ fuhren die Beginner die Band-Aktivitäten zugunsten von Solo-Karrieren, ganz vorn natürlich Jan Delay, langsam runter. Erst 2011 das Live-Comeback, im Juni dieses Jahres mit „Ahnma“ die vielbeachtete Single, jetzt das nach der legendären Heidelberger Hip-Hop-Formation benannte Comeback-Album „Advanced Chemistry“, das nicht nur mit gewohnt vielschichtigen Tracks aufwartet, sondern auch mit jeder Menge Gaststars, wie etwa Gzuz, Megaloh und Samy Deluxe.  Und mit Dendemann zudem einer der besten Rapper, dessen legendäres Duo EinsZwo – man hört so Gerüchte – für das nächste große Reunion-Ding sorgen könnten.

Led Zeppelin – „The Complete BBC Sessions“ (Atlantic/Swan Song)

Zugegeben – die letzten Jahre waren in Sachen Led Zeppelin nicht eben ruhig. Die an dieser Stelle zu Recht abgefeierten, unter der Ägide von Mastermind Jimmy Page aufwändig überarbeiteten und ergänzten Remasters-Versionen aller Alben wurden zu einem gigantischen, medial umfassend begleiteten Erfolg. Doch wer gedacht hatte, dass nun aber wirklich das letzte Wort in Sachen Zep gesprochen ist, sieht sich getäuscht. Damit ist leider nicht etwa eine Reunion gemeint – die scheint mehr denn je in weiter Ferne – vielmehr stehen diesmal u.a. die verloren geglaubten BBC-Sessions von 1969 im Fokus, die einen fast mythischen Ruf bei den Fans bekommen haben. Zu den Perlen gehören hier die einzige jemals aufgenommene Performance von „Sunshine Woman“ und Versionen von „Communication Breakdown“ und „What Is And What Should Never Be“. Jimmy Page in einem Interview mit Guitar World: „Die BBC-Sessions zeigen in jedem Detail, wie organisch die Band funktionierte. Led Zeppelin waren eine Band, die die Songs jedes Mal grundsätzlich änderte. Wir spielten enger und enger zusammen, bis wir zu einem Punkt der Telepathie kamen.“ Von einer Reunion darf man dennoch heimlich weiterträumen.

Kontor Top of the Clubs – „Vol. 71“ ( Kontor Records/Edel)

Eine Zahl, die man sich auf der Zunge zergehen lassen sollte: 71. In Worten: Einundsiebzig. Auf soviele Ausgaben bringt es mittlerweile eine der, wenn nicht die legendärste Dance-Compilation überhaupt. Auf 3 CDs präsentiert  das Kontor-Label vierteljährlich die neuesten Tracks, die heißesten Tipps, die besten Pferde im Stall. 60 Clubhits sind natürlich auch diesmal wieder vertreten, darunter einiges an zuvor unveröffentlichen Exklusiv-Tracks. Das ganze zusammengedampft zu einem fetten DJ-Mix, der diesmal unter der Ägide der Residents Markus Gardeweg und Jerome entstanden ist, kompetent unterstützt von HouseKaspeR. Zusammen sind das satte vier Stunden Dancemusic, darunter Robin Schulz feat. Akon mit dem HUGEL-Remix von „Heatwave“, Swanky Tunes & Going Deeper mit „Drownin’“, the one and only Scooter mit „Mary Got no Lamb“ und der Rausschmeißer „Don’t Let Me Down“ von The Chainsmokers feat. Daya. Nochmal die Zahl? Bitteschön: 71.

Roisin Murphy – „Take Her up to Monto“ (PIAS/Rough Trade)

Sie ist und bleibt die eigenwilligste, ambitionierteste, furchtloseste Tanzboden-Philosophin der Jetzt-Zeit: Roisin Murphy zelebrierte bis anno 2002 als Teil der genialen Moloko ihre ganz eigene Version vom thinking man’s Dancefloor und installierte Evergreens wie „The time is now“ oder „Sing it back“ im Pop-Kanon, längst ist die Irin auch als Solistin ebenso anerkannt und verehrt wie zu Band-Zeiten. „Take her up to Monto“ heißt ihr neuester Wurf und der Titel bezieht sich auf ein altes Lied der Dubliners, die darin den Rotlichtbezirk ihrer Stadt besingen. Von so traditionellen Wurzeln ist sie auf den ersten Hör ein gutes Stück entfernt, stilistische Grenzen sind der Sängerin dennoch wie stets völlig egal. In „Pretty Gardens“ wirbelt sie durch die Grünanlagen, „Thoughts Wasted“ klingt wie PJ Harvey an einem melancholischen Abend in der 80s-Disco und „Lip Service“ kommt plötzlich mit einer Rumba aus dem 7“-Koffer von Senor Coconut um die Ecke, „Ten Miles High“ klingt wie ein verworfener Track von Human League aus „Travelogue“-Zeiten. Alles außer langweilig und konventionell – eine Maxime, der Roisin lässig treu bleibt, dabei aber nie angestrengt oder künstlerisch-verquast klingt. Tolles Album für Disco-Entdecker.

Auf meinem Plattenteller

Ingo Scheel – Ibiza Style Music Editor

Space Echo – Various Artist

This is a journey into sound. Tolle Old-School-Synthiesounds – der Cosmic Sound aus Cabo Verde.

The Dickies – „Dawn of the Dickies“

Was für eine Wiederentdeckung. Die Ur-Väter des Poppunk mit einem Geniestreich von anno 1980.

Beastie Boys – „Sabotage“

Einer der Klassiker schlechthin. Und wie sehr uns die Beastie Boys fehlen …

Mudhoney – „Every Good Boy deserves Fudge“

Die Grunge-Urväter spielten jüngst im Club in meinem Viertel. Ein grandioser Abend.

Kvelertak – „Ordsmedar av rang“

Die Norweger gaben sich auch mal wieder in Hamburg die Ehre, neue T-Shirts inklusive. Und diesmal mit meinem Alltime-Fave auf der Setlist. Loved it!