Tame Impala – „Currents“ ( Modular/Interscope)

Allein die unwiderstehliche Basslinie des acht Minuten langen Openers „Let it Happen“, dazu die Handclaps, die den Groove so luftig machen, reichen aus zur Hörer-Eroberung – nach wenigen Takten ist man vollends drin im neuen Album von Tame Impala und bekommt fortan die Melodien und die Harmonien nur schwer wieder aus dem Kopf. Seit 2008 arbeitet Mastermind Kevin Parker jetzt unter der konzeptionellen Dachmarke Tame Impala und wo schon der Vorgänger „Lonerism“ (2012) mit der Perfektion einer Soundformel flirtete, ist nun auf „Currents“ alles an seinem Platz. Parker bedient sich bei den Cut&Paste-Techniken des Hip-Hop, arbeitet diese aber vollends organisch in das Soundbett ein. So ist unter dem Strich erneut ein Geniestreich dieser Ein-Mann-Studioband entstanden, irgendwo im Spannungsfeld aus Michael Jacksons „Thriller“, den leichten Momenten von Daft Punk und einer leisen Andeutung progressiverer Pop-Spielarten à la Empire of the Sun oder MGMT.

Sleaford Mods – „Key Markets“ (Harbinger Sound)

Wie erhitzt nicht nur die Gemüter der Sleaford Mods, sondern auch ihrer Zuschauer sind, davon konnte man sich jüngst erst auf einer kleinen Pavillonbühne im Londoner Hyde Park überzeugen. Während nur ein paar Meter entfernt den Klängen von Legenden wie Paul Weller und The Who britisch-distuingiert gelauscht wurde, ging im nur 150 Zuschauer starken Pulk, der dem Duo Gehör schenkte, der Punk ab. Mit „Divide And Exit“ erschloss das Duo sich im letzten Jahr neue Hörerschichten bis in die Feuilletons der großen Magazine, jetzt wird der Ruf mit „Key Markets“ gefestigt. Die Formel ist seit ehedem dieselbe: Andrew Fearn, Dosenbier-Liebhaber und Elektrozigaretten-Kettenraucher, liefert die Beats und die Bässe, Sänger/Rapper/Erzähler Jason Williamson haut die Texte im typischen Stakkato heraus: Unbarmherzige Momentaufnahmen aus dem britischen Way of Life, analytisch, schwarzhumorig und direkt – gleichsam ein postmodernes Update solcher Granden wie John Cooper Clarke oder Mark E. Smith. Kein leichter Stoff, aber höchst spannend und unterhaltsam.

The Chemical Brothers – „Born in the Echoes“ (Virgin/EMI)

Ist das wirklich schon zwei Dekaden her? Im Sommer 1995 veröffentlichten die Chemical Brothers ihr Debüt „Exit Planet Dust“, zwei Jahre später folgte das Meisterwerk „Dig Your Own Hole“. Songs wie „Setting Sun“ und insbesondere „Block Rockin’ Beats“ hatten sich auf immer im musikalischen Gedächtnis festgesetzt und diesen massiven Hybriden aus Rock-Gestus und technoidem Rhythmus-Unterbau in den Pop-Annalen verankert. Zuletzt war es um das Duo Ed Simons und Tom Rowland ruhig geworden. Es scheint, als hätten die beiden im Verborgenen getüftelt, um mit einem Quasi-Comeback direkt wieder in den Pop-Olymp aufzusteigen. „We wanted to get some Grooves back“, so Rowland jüngst im „Mojo“-Magazin und in der Tat ist dieses Unterfangen geglückt: Songs wie „Wide Open“, mit Beck als Gast, „Go to Radiate“, mit Q-Tip an Bord, oder das opulente „Sometimes I feel so deserted“ sind von einer solchen Klasse, wie es eben nur die chemischen Brüder mit ihren hochhaus-hohen Beats hinbekommen. Welcome back.

Miles Davis – „At Newport 1955 – 1975: The Bootleg Series 4“

Fast auf den Tag genau vor 60 Jahren trat Miles Davis erstmals beim legendären „Newport Jazz Festival“ auf, eine Performance mit weitreichenden Folgen, sicherte sie dem Jazz-Giganten doch seinen Vertrag mit Columbia Records. Pünktlich zum Jubiläum dokumentiert „Miles Davis At Newport 1955-1975“ nun die zwei Dekaden währende Geschichte von Davis und Newport. Vier Stunden des Materials sind zuvor unveröffentlicht, zu den prägnantesten Tracks gehört die legendäre Jam Session mit Thelonius Monk und Gerry Mulligan von 1955, auch Davis’ letzter Auftritt 1970 ist hier äußerst hörenswert dokumentiert. Nichts weniger als Jazz-Preziosen der legendärsten Art sind die Aufnahmen zusammen mit Cannonball Adderley, John Coltrane, Bill Evans, Paul Chambers und Jimmy Cobb, die gemeinsam den Miles-Meilenstein „Kind of Blue“ spielen oder besser gesagt: zelebrieren. Vier CDs umfasst diese Box, ein dem feierlichen Anlass entsprechend höchst adäquates Format in Sachen Compilation und Aufmachung

Jamie xx – „In Colour“ (Young Turks/XL/Beggars)

Gut Ding will Weile haben, wer soviel auf dem Zettel wie der gute Jamie – etwa seine Band The xx, dazu Remixes für Florence & the Machine, Radiohead, Adele und Produzentenjobs für Superstars vom Schlage Alicia Keys und Drake, das Update von Gil Scott-Herons „I’m new here“ nicht zu vergessen – muss beim Solodebüt zeittechnisch Zugeständnisse machen. Nun aber liegt es vor und das Warten hat sich gelohnt. „In Colour“ ist der treffende Titel für eine Songsammlung, die ganz xx-typische Pop-Koordinaten mit der ebenso charakteristischen melancholischen Note versieht. „I know there’s gonna be (Good Times)“ zitiert nicht zufällig Nile Rodgers im Titel, die Single „Girl“ entspinnt ein sehr zurückgelehntes Sommer-Opus und „Seesaw“ schlägt die Brücke zwischen der Leichtfüssigkeit von Air und dem in sich gekehrten Gestus des Shoegazer-Sounds. Ein rundum überaus gelungenes Album. Einzige Bitte an den Künstler: Bitte für den Nachfolger nicht noch einmal sechs Jahre Wartezeit.

Auf meinem Plattenteller

Ingo Scheel – Ibiza Style Music Editor

Chic – „C’est Chic“

Der Albumtitel ist Programm, was für eine Hitdichte. Optimaler Soundtrack für den Sommer, ebenso tanzbar wie elegant

The Who – „Who’s next“

Die Show im Londoner Hyde Park jüngst soll ihre letzte in der Themse-Metropole gewesen sein. Sei es drum – ein Monolith wie dieses Album wird die Zeit überdauern

Daft Punk – „Discovery“

Allein „One More Time“ ist wie gemacht für die Repeat-Taste. Wird nicht unter drei Durchläufen gehört

The Helio Sequence – „dto.“

Eine Songsammlung wie ein „Greatest Hits“-Album. In Teilen versponnener, über weite Strecken infizierend eingängiger NeoPop