Air – „twentyears“ (Warner)

Kaum ein Album prägte die ausgehenden 90er Jahre wie das Albumdebüt von Air. „Moon Safari“ nannten die Franzosen Jean-Benoit Dunckel und Nicolas Godin ihr Werk und wie eine Erkundung ferner Galaxien muteten ihre Songs an. Gleich der Opener „La Femme d’Argent“ ist vertontes Sonnenlicht, „Sexy Boy“ hochverdichteter Elektropop, „Kelly watch the Stars“ ein Rendezvous von Kraftwerk, End-70s-Wave und Neo-Chanson, kurzum ein kongenialer Wurf zwischen Easy Listening, Laissez-faire und Soundtrack-kompatiblen Perlen zwischen Eric Rohmer, Gainsbourg und Pink Floyd. Es folgten Prog-Experimente („10.000 Hz Legend“), Filmarbeiten („Virgin Suicides“), Konzeptalben („Le Voyage dans la Lune“), zwischendurch mit „Talkie Walkie“ eine Platte, die wohl am dichtesten an den Genius der ersten Phase heranreicht. Nun also legen die beiden mit „twentyears“ eine Jubiläums-Compilation vor, die das Werk des Duos über zwei Dekaden adäquat abbildet. Sammler dürften die Klassiker im Schrank haben und auf die Luxusversion abzielen, für Spätentschlossene und Neu-Entdecker ist das hier jedoch eine höchst gelungene Zusammenstellung der französischen Sound-Ikonen.

Biffy Clyro – „Ellipsis“ (Warner)

Der Bandname klingt wie eine Mischung aus Sanitärreiniger und Comicfigur, auch ihr Sound konnte sich, oder besser: mochte sich nie so recht entscheiden, seit sie 2002 mit dem Album „Blackened Sky“ ihr Debüt feierten. Mal schlug ihr Herz für ausufernden Prog-Rock, dann wieder ließen sie stadiontaugliche Drei-Minuten-Kracher von der Leine. Ihre leidenschaftlichen, treuergebenen Fans sind diesen Weg stets mitgegangen und das sollte sich auch mit „Ellipsis“, ihrem siebten Album, nicht ändern. Als Inspirationen nennt Frontmann Simon Neil so unterschiedliche Einflüsse wie das Tears-For-Fears-Album „Songs From The Big Chair“, DJ Arca und Deafheaven und beschreibt „Ellipsis“ als „eher einen Schlag auf die Nase als eine innige Umarmung“. Persönliche Themen bestimmen die Lyrics, das „sich zur Wehr setzen“ ist ein Kernmotiv. Bei den Hörern dürften sie dabei kaum auf Widerstand treffen, erneut kombinieren sie, ähnlich wie die Kollegen von Muse, nur ohne deren erhöhten Hysterie-Faktor, stattliche Hitdichte mit komplexen Strukturen, wunderbare Melodien mit verwinkelten Arrangements. Alternative Sound jenseits von Stilgrenzen.

DJ Shadow – „The Mountain will fall“ (Mass Appeal/Groove Attack)

Es ist wohl Fluch und Segen zugleich, wenn das Debüt aus dem Stand zu einem Meilenstein, einem auf Jahrzehnte festgeschriebenen Referenzwerk wird. Josh Davis, besser bekannt als DJ Shadow, gelang dieses Kunststück 1996 mit seinem Erstling „Endtroducing …“. Das auf Mo’Wax veröffentlichte Album ging als erste ausschließlich aus Samples bestehende Platte in die Pophistorie ein. Dass sich der Studiomagier seitdem beständig  an diesem Wurf messen lassen muss, scheint ihn selbst dabei am wenigsten zu kümmern. Mit „The Mountain will fall“ liegt jetzt sein fünftes Album vor. Auf dem Mass Appeal-Label erscheint es und es ist sein erstes Studiowerk seit 2011. DJ Shadows Augenmerk liegt diesmal auf eigenen Komposition, er jongliert wie gewohnt mit Beats, Einzelklängen und Sphären, die er zu jenem ganz eigenen Sound verbaut, die wir seit nunmehr zwei Dekaden kennen und lieben. Unterstützt haben ihn diesmal so unterschiedliche Künstler wie Run The Jewels, Nils Frahm, Matthew Halsall und Ernie Fresh, zum Einsatz kommen dabei nicht nur Sampler und Synthies, sondern auch Hörner und Holzblasinstrumente. Das Schlagwort vom „sich neu erfinden“ mag etwas abgedroschen sein, für DJ Shadow ziehen wir es noch einmal hervor, beherrscht der Mann diesen selbstbewussten Kniff doch wie kaum ein Zweiter. Grandiose Platte!

Hailu Mergia – „Wede Harer Guzo“ ( Awesome Tapes from Africa)

Hailu wer? Sie kennen Hailu Mergia nicht? Grämen Sie sich nicht, das lässt sich ändern. Zuletzt hat stern-Autor Alf Burchardt den äthiopischen Musiker einer breiten Öffentlichkeit vorgestellt und dafür sollte man durchaus applaudieren, gehört doch gerade für die entfernt verorteten Weltmusikperlen aller Art immer auch ein Perlentaucher dazu, der die Schmuckstücke ans Sonnenlicht befördert. Mergia nun ist ein 70-jähriger Taxifahrer in Washington, in den 70ern jedoch, als Musiker, nahm er mit der Dahlak-Band sein einziges Album auf, mit dem er heute auf sporadischen Touren immer noch sein Publikum begeistert. Dabei klingen die Tracks auf der „Wede Harer Guzo“ zum einen, als kämen sie aus einer anderen Loungin’-Dimension, gleichzeitig aber auch auf krude Art vertraut und unglaublich groovy. Als hätte der Organist für Eishockey-Spielpausen zusammen mit David Axelrod unter der Ägide von Quentin Tarantino den Soundtrack für einen Film geschrieben, den es noch nicht gibt. Funky, laid back, eigenwillig. Was für eine Entdeckung. Danke, Alf Burchardt.

Garbage – „Strange Little Birds“

In der zweiten Hälfte der 90er gehörten Shirley Manson und ihre Jungs zu einem der schillerndsten Phänomene des mainstream-kompatiblen Alternative Rock. Mit Butch Vig hatte man nicht nur einen versierten Drummer an Bord, sondern auch jenen Studiotitan, der die Alben von Bands wie Nirvana oder Smashing Pumpkins in das so erfolgbringende Soundgewand kleidete. Kaum verwunderlich also, dass die Kombi aus first class Sängerin und top notch Produzent für Furore sorgte und Hits wie „Only Happy When it Rains“ oder „Queer“ sich förmlich selbstständig machten. In den nuller Jahren zog sich die Band nach und nach zurück, jetzt melden sich Garbage mit „Strange Little Birds“ zurück und haben endlich jenes Album in petto, das man sich für ein ersehntes Comeback bestenfalls wünschen würde. Songs wie die Single „Empty “, das groovende „Blackout“ oder die Siouxsie-meets-Cure-Etüde „Night Drive Loneliness“ balancieren auf diesem schmalen Grat zwischen eingängig und vielschichtig, winden sich in die Gehörgänge und verlassen diese so schnell nicht wieder. Welcome back, Shirley Manson!

Auf meinem Plattenteller

Ingo Scheel – Ibiza Style Music Editor

Siouxsie & the Banshees – „The Scream“

Eines der ersten Meisterwerke des aufkommenden Postpunks, und es hat nichts von seinem morbiden Glanz verloren

Catfish & the Bottlemen – „The Ride“

Die Waliser ziehen weiter ihre Kreise, superbes Britrock-Update, Hits im Dutzend

DJ Shadow – „Endtroducing…“

Ein guter Zeitpunkt für die Wiederentdeckung. 20 Jahre her, dieser visionäre Klassiker, dabei nicht einen Tag gealtert

FEE – „Notaufnahme“

Fast vergessene NDW-Helden aus der dritten Reihe mit echten Evergreens im Bandkoffer, siehe „Amerika“ oder „Overdrive“

Queen – „News of the World“

Ein Hoch auf Annis Kindergarten, in der Musikstunde wurde „We will Rock you“ gesungen. Zuhause dann die Zugabe, gemeinsam mit Freddie Mercury & Co.