DJ Koze – „DJ Kicks“ (!K7/Indigo)

Erinnert sich noch jemand an Fischmob? Mit Alben vom Schlage „Männer können seine Gefühle zeigen“ und Songs wie „Bonanza“ und dem Underground-Hit „Susanne zur Freiheit“ rappten sich die Hamburger Mitte der 90er in die Herzen und stiegen zum schwer erziehbaren kleinen Bruder der erfolgreichen German Wave of Hip-Hop auf. Kauziger, rücksichtsloser, schlauer, das waren sie. Allen voran DJ Koze, der nach dem Split 1998 zum Grand Seigneur und Connaisseur unter den deutschen DJs wurde. Nach zahlreichen Solo-Platten, zuletzt das grandiose „Amygdala“-Album, wird Koze (sprich Cosy) jetzt die Ehre zuteil, die Jubiläumsausgabe der legendären DJ-Kicks-Serie zu bestücken. 1995 begann die Samplerreihe mit C.J. Bolland, es folgten Größen wie Carl Craig, Terranova, Nightmares on Wax, Digitalism und viele mehr. Zur 50. Ausgabe lässt DJ Koze nun Portable, Hi-Tek, Dimlite und viele mehr rotieren. „Ich wollte nicht mit Wissen glänzen“, so Koze, „sondern lieber einige Perlen zusammenbringen, die auch für Leute Sinn ergeben, die nicht unbedingt Musiknerds sind.“ Mission Accomplished“.

Giorgio Moroder – „Déjà Vu“ (Sony)

Als Daft Punk ihr Album “Random Access Memories“ vor gut zwei Jahren veröffentlichten und Giorgio Moroder im nach ihm benannten Track von seinen Anfangstagen, von seiner Prägephase im frühen Disco-Zeitalter erzählte, hat es anscheinend nicht nur beim Zuhörer „Klick“ gemacht. Auch der Gottvater selbst mag sich gedacht haben: Warum mache ich nicht einfach selbst ein neues Album? Und siehe da – jetzt liegt es vor und mit „Déjà Vu“ könnte es kaum treffender betitelt sein. Das erste Solo-Album Moroders seit über 30 Jahren verfügt über den unkaputtbaren Gencode, den die Werke des Meisters schon immer ausgemacht haben. So wie er einst die Songs von Donna Summer, Cher oder Blondie in Bernstein goss, funktioniert sein Sound auch heute noch, geraten Perlen wie „4 U with Love“, „La Disco“, der formidable Titeltrack und insbesondere die Vorab-Single „74 is the new 24“ aus dem Stand zu Klassikern. Funky, tanzbar, uplifting und immer wieder himmlisch hymnisch. Einziger Wunsch an den Meister himself: Bitte nicht wieder drei Dekaden warten lassen.

Too Slow to Disco – „Vol. 2“ (How Do You Are)

Als im letzten Jahr die erste Ausgabe erschien, gab es noch einiges an Erklärungsbedarf über das Konzept von “Too Slow to Disco”. Spätestens mit dem Auf- oder Einlegen verflüchtigten sich dann alle Fragen wie Patchouli-Parfüm im Sommerwind. Wie wunderbar, dass man auf die zweite Ausgabe nicht allzu lange warten musste und der Flow hier genauso entspannt wieder aufgenommen wird. Sommer, Sonne, Softrock – DJ Supermarkt hat einmal mehr sonnengetränkte, viel zu lang verschüttete Perlen des besonders leichten Westcoast-Sounds zu Tage gefördert. Nicht weniger als 16 Tracks aus den Sound-Abteilungen Singer/Songwriter-Funk und Yachtpop, Blue Eyed Soul und AOR Disco beweisen einmal mehr, dass Saxophon-Solos, weite Hemden und vollbärtige Sänger immer noch eine sommerlich unwiderstehliche Sound-Koordinate bilden. Scheuklappen und Geschmacksdiktat beiseite – hier kommen Niteflyte, Joe Vitale, Hall & Oates und einige melodiöse Klassiker mehr. Die Vinylversion kommt passenderweise in knallorange.

No More – “Silence & Revolt” (rent-a-dog)

Mit den Kulthits ist das ja so eine Sache. Entweder so unbekannt, dass man kaum jemanden findet, mit dem drüber schwärmen oder fachsimpeln könnte. Oder eben so zerspielt, dass man sie – bei aller Liebe – einfach nicht mehr hören kann. Und dann gibt es noch die goldene Mitte, etwa so einen Kracher wie „Suicide Commando“, über den Nick Cave einst sagte, er wäre der perfekte Ausdruck des 80er-Jahre-Undergrounds. Aus Kiel rund um die Welt – es ist füwahr eine unglaubliche Geschichte, wie sie nur Musik zu schreiben in der Lage ist. Ebenso unglaublich, dass die die Kreativachse, die uns diesen Knaller einst bescherte, Tina Sanudakura und Andy Schwarz – nach Jahren des Auf-Eis-Liegens – jetzt bereits mit dem dritten Abum seit dem Comeback von No More um die Ecke kommen. Und wie multitalentiert die beiden sind, zeigt die neue Pop-Koordinate in ihrem Sound. Hatte man sich beim Vorgänger noch auf hypnotische Loops und Rhythmen konzentriert, öffnet man jetzt Melodie und Eingängigkeit Tür und Tor. Der entspannte Glambeat von „Stardust Youth“ macht süchtig, „Rope a Dope“ tänzelt wie Muhammad Ali in der ersten Runde und „The Man Outside“ ist eine jener wunderbar verhangen-melancholischen Soundstudien, wie sie nur No More zelebrieren können.

Refused – „Elektra“  (Turnstile/Caroline)

Es gibt Songs, die sind größer als die Summe ihrer Teile. Sie kommen, um zu bleiben. Werden weitergereicht von Generation zu Generation, geraten mal ins Vergessen, kommen zurück, um heller zu scheinen als zuvor. „Satisfaction“, „Highway to Hell“, „Das Model“, „Lost in Music – die Genregrenzen mögen verschwimmen, ein besonderer Code jedoch eint alle Klassiker quer durch die Stile. So auch das überlebensgroße „New Noise“ aus der Feder der ungekrönten Hardcore-Könige aus Schweden – Refused. Nach ihrem Album „The Shape of Punk to Come“, dem heiligen Gral der Indie/Alternative-Generation, löse sich die Band im Streit auf. Jetzt, 17 Jahre danach, kommen Dennis Lyxzén, umtriebige Lichtgestalt und polit-philosophischer Lautsprecher, und seine Jungs mit einem neuen Album um die Ecke. Seit einigen Jahren haben sich mit Reunion-Shows warmgespielt, nun also ein lange Zeit nicht für möglich gehaltenes neues Album. Ob Refused die  Erwartungen erfüllen, das möge jeder selbst entscheiden, nur soviel: Hatte jemand tatsächlich erwartet, die HC-Götter würden mit einem Longplayer enttäuschen? Nach Faith No More das zweite große Comeback des Jahres. Kein Zufall, dass beide Bands zusammen auf US-Tour sind.

Auf meinem Plattenteller

Ingo Scheel – Ibiza Style Music Editor

Air – „The Virgin Suicides“

Die edle Box zum 15-jährigen Jubiläum ist ein guter Anlass, diesen morbid-grazilen Soundtrack mal wieder in Gänze zu genießen

The Free Design  – „I Could be Born Again“

Exquisiter Vocal-Pop von der sonnigen Seite der 60er Jahre. So leicht wie ein Nachmittag im Laurel Canyon bei eisgekühltem Old-Fashioned und Kräuterzigaretten.

Wire – „Wire“

Postpunk, Postwave, Post Everything – unglaublich, wie die Ur-Väter des Sounds immer noch so frisch und in der Tat neu klingen.

Jungle – „Jungle“

Immer und immer wieder, der Neo-Soul der Briten hat auch ein Jahr nach Release nichts von seinem Glanz und Groove eingebüßt.