ABC – „The Lexicon of Love 2“ ( EMI/Universal)

Es waren die Goldgräber-Jahre Anfang der 80er: Punk hatte sich in den Hardcore und andere Spielarten verkrümelt, New Wave seinen Claim abgesteckt und irgendwo dazwischen schritten Blitzkids und Popper auf den Laufsteg und machten ihr Ding. Auf den kargen Glanz der End-70er folgte der Hedonismus der 80er und Martin Fry zählte zu den gutfrisierten Protagonisten. ABC hieß die Band, maßgeschnitten waren die Anzüge und ihr Sound ein geschmackssicherer Hybrid aus Blue-Eyed-Soul, Disco-Versatzstücken und einer Prise Funk. Das 1982er „Lexicon of Love“ geriet zu einem der Meisterwerke der Dekade. Und nach mal eben 34 Jahren nun schlägt Fry, stilvoll in die Jahre gekommen, die Liebes-Enzyklopädie erneut auf und schenkt seinen Fans einen zweiten Teil. Und geradezu famos, wie der so prägende Sound der Klassiker vom Schlage „Look of Love“, „Poison Arrow“ oder „All of my Heart“ wiederaufgenommen wird – ein großer Verdienst von Oscar-Gewinnerin Anne Dudley, die wie schon beim ersten Teil die Streicher arrangiert hat. Zum Teil neues Material, an anderer Stelle einst verworfene Tracks späterer Alben können es Songs „ Viva Love“, „Brighter than the Sun“ oder „Flames of Desire“ locker mit dem Frühwerk aufnehmen. Ein Geschenk für Pop-Nostalgiker, das dennoch an keiner Stelle altmodisch klingt.

Red Hot Chili Peppers – „The Getaway“ (Warner)

Ist das wirklich schon über drei Dekaden her? Ich erinnere mich noch gut an meine erste Begegnung mit den Chili Peppers. Der WDR-Rockpalast übertrug Mitte der 80er ein Festival von der Loreley, eine der Bands damals waren die Red Hot Chili Peppers, die einen ihrer ersten Gigs überhaupt außerhalb von Los Angeles absolvierten. Und so etwas wie diesen überdrehten Funk hatten wir noch nie gehört. Ebenso Parolen wie „Rock out with your Cock out“, die dazugehörigen Interviews im Adamskostüm absolviert. Hätten wir damals geglaubt, dass Kiedis und Co. einst zu den größten Bands des Planeten gehören würden? Schwer zu sagen. Fest steht: Allen Unkenrufen und zuletzt bedenklichen Krankmeldungen ihres Sängers zum Trotz sind die Red Hot Chili Peppers auch 30 Jahre nach diesem erstmaligen Blankziehen auf europäischem Geläuf unter uns und lassen jetzt mit „The Getaway“ ihr elftes Studioalbum von der Leine. Zeigte man sich zuletzt nach dem Abgang des eigentlich unersetzlichen John Frusciante mäßig inspiriert, könnte das hier die Rückkehr zu alter Form darstellen. Allein „Dark Necessities“ hat diesen Crossover aus schwitzigem Funk und resümierender Melancholie, wie ihn nur wenige außer RHCP zustande bekommen. Sicher auch ein Verdienst von Produzent Danger Mouse, der hier nach 25 Jahren Rick Rubin ersetzt, und sich, seinem Vorgänger nicht unähnlich, zum Wiedererweckungs-Gehilfen einer in Teilen angejahrten Legende aufschwingt.

Paul McCartney – „Pure McCartney“ (Concord/Universal)

Machen wir es gar nicht erst auf, dass Fass mit der Legenden-Aufschrift, zuviele von ihnen haben in den letzten Monaten ihren Hut genommen. Auch ganz ohne morbid-nostalgische Wehmut ist McCartneys Paule immer noch und immer wieder ein Grund, genau hinzuhören. „Pure McCartney“ heißt der jüngste Wurf des ewigen Beatles, der in diesen Wochen durch die Arenen der Welt zieht und sein Publikum begeistert, als wären wir immer noch in den seligen Sixties. Damit wiederum hat diese opulente 4-CD-Box jedoch wenig bis gar nichts zu tun, im Gegenteil – hier beginnt die Zeitrechnung mit McCartneys Solodebüt aus dem Jahre 1970. Mit „Maybe I’m Amazed“ beginnt die Reise, die McCartney selbst wie ein gigantisches Mixtape angelegt hat, führt über „Jet“ und „Hi Hi Hi“ bis zu „With a little Luck“ und „Hope for the Future“. Das mit dem Karriere-Überblick sieht der Mann aus Liverpool entspannt: „Das Wort ‚Karriere‘ ist fast missverständlich für mich. Ich hab das immer mehr als ein Abenteuer angesehen und weniger als einen tatsächlichen richtigen Job“. Abenteuer ist ein gutes Stichwort – und auch McCartneys eigenen Anspruch, hier einen durchweg äußerst unterhaltsamen Bogen von den 70ern bis heute zu beschreiben, erfüllt „Pure McCartney“ in Gänze: ein schillernder Brocken von einer CD-Box, famoses Zeugnis eines der größten Künstler unserer Zeit.

Roger Shah – „ Magic Island Vol.7-Music for Balearic People“ (Black Hole/Rough Trade)

Ganz gleich, ob man ihn als DJ Shah oder Sunlounger, Black Pearl, Magic Island oder Magic Wave kennt – in Sachen Trance führt kaum ein Weg an Roger Shah vorbei. Ende der 90er verzeichnete der Mann aus Esslingen am Neckar seine ersten Hits, später gründete er das Label Magic Island Records, das Ende der nuller Jahre zu einem Sublabel von Armada Music wurde. Es ist seine „Magic Island“-CD-Reihe, die neben den Alltime-Klassikern „Café Del Mar“ und „Buddha Bar“ zu den beständigsten, arriviertesten Compilations rund um die Balearen gilt. Und was für ein Dauerbrenner das ganze ist: Die vorliegende Doppel-CD ist schon die siebte Ausgabe. Hier versammelt Roger Shah, der zusammen mit Partner Pedro Del Mar auch für die angesagte „Mellomania“-Compilation verantwortlich zeichnet und in der Vergangenheit bereits mit Big Names wie Tiesto und Armin van Buuren zusammengearbeitet hat, wieder einmal einiges an Hits. „Day Out“ von Raul Pablo Sanchez etwa klingt unwiderstehlich, ebenso der Vibe von Sunlounger feat. Kingseyes, deren „I Just Wanna Dance With You“ im Jukebox 80s-Remix daherkommt. Natürlich ist auch Roger Shah selbst am Start, unter anderem zusammen mit LeaLani, mit der er die universelle Botschaft mit Groove unterbaut: „Love Heals You“. Liebe heilt Dich. Ein guter Song ist in Sachen healing factor allerdings auch nicht zu unterschätzen.

Radiohead – „A Moon Shaped Pool“ (XL/Beggars Group)

Bei Radiohead geht es nicht ohne großes Drama, ohne doppelbödige Selbst-Inszenierung oder – wie im Falle des neuen Albums „A Moon Shaped Pool“ – dem Gegenteil davon. Als Teil ihrer Undercover-Kampagne ließen Thom Yorke und seine großkopferten Mitstreiter die eigene Website in der weiten Weiße des Internets verblassen, verabschiedeten sich von Twitter und Instagram, nur um kurze Zeit später mit einem verstörenden Puppenspiel-Clip und dem Song „Burn the Witch“ wiederaufzutauchen. Ich gebe es zu – die Band hat mir, trotz Nahelegung nahestehender Musik-Experten, nicht so arg viel gegeben. Wie es manchmal so es ist, reicht ein Song und es scheint sich ein Hebel umzulegen, von dem man nicht wusste, dass es ihn gibt. Vielleicht weil nicht nur der düster schwebende Hexensong von einnehmender Kühle und Melodie ist, sondern direkt auch mit der Single „Decks Dark“ genau jene Aura Bestätigung erfährt, die auch auf Albumlänge nicht einen Deut nachlässt. Grandios-geheimnisvolle Songs, die einen ganz merkwürdigen Spaghat vollführen zwischen der sommerlichen Luftigkeit von Air, dem verwehten Gestus von Pink-Floyd-Balladen und der tränentiefen Schwere von Massive Attack, an deren „Teardrop“ Radioheads „Decks Dark“ sicher nicht von ungefähr erinnert.

Auf meinem Plattenteller

Ingo Scheel – Ibiza Style Music Editor

Isaac Hayes – „Hot Buttered Soul“

Der schwüle, seelenvolle Groove des Altmeisters ist genau das richtige für den heißen Sommer

Various Artists – „Hits and Misses“

Abschied von Muhammad Ali – mit vielen, außergewöhnlichen Songs rund um seine Geschichte

Casper – „Hinterland“

Manchmal entdeckt man einen Künstler etwas später, siehe Radiohead. Per iPod-Shuffle kam mir das hier ins Ohr. Und geht seitdem nicht wieder raus. Der eigenständigste, ungewöhnlichste Rapper Deutschlands.

Turbostaat – „Abalonia“

Die Jungs aus Husum fahren ihren ganz eigenen Dampfer. Ihrer Kombi aus Wut und Melancholie kann man sich nur schwer entziehen

Saragossa Band – „Zabadak“

Ein cheesy Klassiker aus den Tiefen der 70er. Einmal Anni vorgesungen, seitdem auf der heimischen Playlist