Kendrick Lamar – „Damn.“ (Interscope)

Kendrick Lamar ist in seiner noch nicht einmal überlangen Karriere nicht weniger als eine Legende des zeitgenössischen Raps: Das Mixtape „Overly Dedicated“ sorgte anno 2010 für erstes Aufsehen, sein Debüt „Section.80“, veröffentlicht nur ein Jahr später, geriet direkt zum großen Wurf. Heute hat der Mann aus dem vielbesungenen Compton Kooperationen mit Größen vom Schlage Pharrell Williams, Snoop, Eminem und Lady Gaga unterm Gürtel, um nur einige zu nennen. 2015 landete „To Pimp a Butterfly“ in UK und USA auf der Pole Position der Charts, auch der Nachfolger „Damn.“, der jetzt erschienen ist, hat dieses Plätzchen an der Sonne erobert. Mit Recht: Lamar agiert auf gewohnt hohem Niveau, hat längst seine eigene Spielklasse erreicht und konsolidiert diesen Ruf, so scheint es, mit leichtem Händchen, gleichzeitig schonungsloser Offenheit.. In acht Minuten „Fear“ lässt der Rapper tief in sein Tagebuch blicken, „Duckworth“ erzählt von einer schicksalhaften Begegnung von Lamar Senior mit Antony Tiffith, Kendricks heutigem Labelchef. Ein vielschichtiges Album voller waghalsiger Experimente, Jazz-Unterbau, exquisiten Beats und packenden Storys.

Ride – „Weather Diaries“ (Wichita)

Hatten wir zuletzt an dieser Stelle das neue Album von Slowdive vorgestellt, ist auch in diesem Monat wiederum eine der Shoegaze-Größen aus dem britischen Königreich im Blickpunkt. Diesmal ist es das neue Album von Ride, jener Band also, die sich von 1990 an mit Songs vom Schlage „Twisterella“, „Vapor Trail“ oder auch „Leave them all behind“ eine ergebene Fanschar erspielte. Für den ganz großen Durchbruch reichte es nicht, und ab Mitte der Dekade gab es an Blur und Oasis, bei denen Ride-Gitarrist Andy Bell später spielte, eh kein Vorbeikommen. Sänger Mark Gardener verdingte sich solo, Drummer Laurence Colbert führte u.a. für Gaz Coombes die Trommelstöcke. Nun also, nach diversen Festival-, Club- und Akustikshos mit „Weather Diaries“ endlich ein neuer Longplayer und der zählt ganz sicher zum Besten, nicht nur der Band selbst, sondern auch im Vergleich zu den vielen Zeitgenossen, von eben Slowdive über The Jesus & Mary Chain bis zu Swervedriver. Superbe Gitarrenarbeit, diese typischen, unwiderstehlichen Melodieführungen, das Ganze passgenau auf dem Grat zwischen entspanntem Spiel und knackigem Arrangement verortet. Top-Comeback, Lads!

Goldie – „The Journey Man“ (Cooking Vinyl/Metalheadz)

Goldie? Der Goldie? Der Mann mit den goldenen Zähnen, der uns Mitte der 90er in Sachen Jungle und Drum’n Bass den Mund mehr als wässrig gemacht hat? Genau der. Als Clifford Joseph Price anno 1965 im englischen Walsall zur Welt gekommen, zählte der heutige Träger des MBE-Ordens des britischen Empires zu den Lichtgestalten des ebenso zappeligen wie unwiderstehlichen Sounds. Zudem war er Mitbegründer des epochalen Metalheadz-Labels. Zuletzt war es ruhiger um ihn geworden, mit „The Journey Man“ liegt nun gar sein erstes echtes Solo-Album seit fast zwei Dekaden vor. 16 neue Tracks sind auf dem Doppelalbum zu finden, und es fällt auf, dass Goldie im Hier und Jetzt die nervöse Grundstruktur seiner Tracks mit fast zurückgelehnten Sounds kombiniert. Dabei versteht Goldie sich mittlerweile weniger als Produzent oder Songwriter, sondern vielmehr als Arrangeur, als Regisseur, der die richtigen Leute für den passenden Track zusammen bringt. Unter den Kollaborateuren dieser schillernden, ebenso vielseitigen wie spannenden Platte sind Singer/Songwriterin Natalie Duncan, dazu Terri Walker, Natalie Williams und mit Mika Wassenaar Price auch Goldies überaus talentierte Gattin.

T.Raumschmiere – „Heimat“ (Kompakt)

Dass Marco Haas, der Mann hinter T.Raumschmiere eine ganz eigene Sicht auf Techno und seine Kombinationsmöglichkeiten mit anderen Sound-Zutaten hat, machte der Mann aus Heidelberg von Beginn seiner Karriere an klar. „The Great Rock’n Roll Swindle“ nannte er sein Debüt aus dem Jahre 2002, und der Bezug auf den legendären Albumtitel der Sex Pistols kam nicht von ungefähr. Auch Haas kommt vom Punk, hat einst in Hardcore-Bands getrommelt und später, bei seiner Eroberung elektronischen Terrains, das Technoide der Maschinen mit dem anarchischen Gestus des Punk verdrahtet. Mit „Heimat“ nun verfeinert Haas seinen Sound noch einmal, entstaubt mit zusätzlich mit Glam ein weiteres, klassisches 70s-Genre und stellt unter Beweis, wie gut die Hysterie von Key Acts wie Sweet oder T. Rex zum neuzeitlichen Swag der Soundmaschinen passt. Dabei schafft Haas „Heimatmusik“ erneut einen durchaus spektakulären, dabei fast schon typischen Spagat zwischen Kühle, Coolness und Emotionalität.

Kraftwerk – „3-D The Catalogue“ (Kling Klang/Parlophone)

Die Begeisterung um die wohl prägendste deutsche Band aller Zeiten reißt auch bald 50 Jahre nach ihrer Gründung nicht ab. Die Konzerte von Kraftwerk sind weltweit binnen Minuten ausverkauft, und auch, wenn ihre Fans immer noch auf ein komplettes Album mit neuem Material warten, gibt es in schöner Regelmäßigkeit aufgearbeitete Klassiker aus dem Kling-Klang-Archiv, die für Furore sorgen. Diesmal wurde der gesamte Back-Katalog soundtechnisch noch einmal modernisiert, also die acht klassischen Kraftwerk-Alben in chronologischer Reihenfolge: Autobahn (1974), Radio-Aktivität (1975), Trans Europa Express (1977), Die Mensch-Maschine (1978), Computerwelt (1981), Techno Pop (1986), The Mix (1991) und Tour De France (2003). Das Ergebnis ist nicht weniger als atemberaubend. Kraftwerk-Puristen halten sich an die Original-Versionen und das ist sicher ein nachvollziehbarer Standpunkt, dennoch ist die klangliche Neuordnung der Dinge ganz sicher eine Neu-Entdeckung wert und fügt sich homogen ins Ouevre der Pioniere aus Düsseldorf.

Auf meinem Plattenteller

Ingo Scheel – Ibiza Style Music Editor

The Hellacopters – „High Visibility“

Mein erstes Roskilde-Festival seit 2005 – und die Schwedenrock-Legende ist soeben noch als Nachrücker ins Line-up gerutscht. Yeah!

Elvis Costello – „This Year‘s Model“

Zwei, drei Mal im Jahr erlebt der Mann mit der Hornbrille bei mir ein Revival. Dieses Mal ist mein persönliches Lieblingsalbum von ihm auf Rotation.

The Charlatans – „Different Days“

Mit „The Only One I Know“ einst Hitlieferant des britischen Rave, mittlerweile sehr zuverlässiger Album-Act auf beständig hohem Niveau, wie auch das neue Album ein weiteres Mal unter Beweis stellt.

Rocko Schamoni – „Morgenlicht“

Mit dem Orchestre Mirage hat sich Schamoni vor zwei Jahren an fast vergessenes Liedgut made in Germany gewagt: Die Version des Klassikers von Ton Steine Scherben ist episch, das Streicher/Bläser-Arrangement gewaltig und unwiderstehlich

Paul Weller – „A Kind Revolution“

Keinen mag ich mehr als den Modfather, in Sachen Musik mein persönlicher Held. Leser dieser Kolumne dürften es schon länger geahnt haben;)