Udo Lindenberg – „Stärker als die Zeit“ ( Warner)

Gerade in diesen Monaten, da uns die doch seit ehedem für unsterblich gehaltenen Legenden im Dutzend für immer den Rücken zukehren, ist es so tröstlich wie wichtig, jenen unseren Respekt zu erweisen, die noch auf Erden wandeln. Einer der Größten mit allen Ups und Downs: Panik-Papst, Eierlikör-Artist und Hut-Connaisseur Udo Lindenberg. Kaum einer hielt so den Daumen in den Wind, trotzte dem Sturm an Bord der Andrea Doria, sang die Mauer nieder und geriet auch in ärgster Bedrängnis kaum in Panik wie uns Udo. Nicht auszudenken, wie die Popwelt, die deutsche, heute ohne ihn aussehen, oder besser gesagt, klingen würde. Und nach dem autobiografischen Denkmal „Panikherz“ von Pop-Literat Benjamin von Stuckrad-Barre folgt jetzt mit „Stärker als die Zeit“ ein neues Studioalbum des frischgebackenen 70-Jährigen. Darin enthalten alles an großen Gefühlen, kleinen Gesten, Blicken in den Spiegel und Trips ans Ende der Zeit. Udo eben. Nicht mehr und nicht weniger. Und damit tippelt der chronische Hotelbewohner in seiner ganz eigene Spielklasse. Gut, dass es ihn gibt.

Coco Beach Ibiza – „Vol. 5“ (Kontor Records)

Was wäre der Sommer auf der Insel ohne eine neue Compilation von den entspannten Gestaden des Coco Beach? Es ist bereits die fünfte Ausgabe der Samplerserie und die Perlen auf den drei prallvollen CDs (betitelt „Good Morning Ibiza“, „Life is better at the Beach“ und „Ibiza Nights“) sind zum ersten Mal in Zusammenarbeit mit DJ Danielle Diaz & Kontor Records aneinandergereiht worden. Ein Blick auf die Songlist macht schnell klar, dass das Konzept der Reihe immer noch stimmig ist und funktioniert. Aufstrebende Newcomer, Insidertipps und seltene Soundbasteleien sind hier ebenso vertreten wie absolute Big Names. Darunter so illustre Größen wie Moby, der auf „Almost Home“ gemeinsame Sache mit Damien Jurado macht, Superstar Felix Jaehn featuring Thallie Ann Seenyen und Robin Schulz & J.U.D.G.E., deren „Show me Love“ im Calvo-Remix daherkommt. Die Anspielttipps aus dem Hause Ibiza Style: Das extrem chillige „Calling“ von Sans Souci, das hittige „The Fear“ von Marcapasos und das oldschoolig grundierte, an Faithless gemahnende „It‘s on You“ von Sugar Hill & Wasabi.

Kvelertak – „Nattesferd“ (Roadrunner/Warner)

Anno 2010 begann der metallische Siegeszug der Norweger und nach ihrem selbstbetitelten Debüt schafften sie es sowohl 2013 mit „Meir“ als auch nun mit dem dritten Album in die Liste des „Rolling Stone“ der meisterwarteten Platten des Jahres. Und womit? Mit Recht natürlich. „Nattesferd“ (Nachtpferd) haben Erlend und seine fünf Mitstreiter das Werk genannt und die Vorab-Single „1985“ irritierte zunächst die Stammhörer. Anklänge an Thin Lizzy und Van Halen waren da zu hören, AC/DC-Beats in gedrosseltem Tempo, für die Extrem-Musikanten fast schon konventionelles Songwriting. Hatten Kvelertak bereits all ihr schwarzes Pulver verschossen? Mitnichten – auf Albumlänge ist wieder alles an seinem Platz und nicht nur das. Ihren gelernten Metalpunk in eigenwilliger Perfektion reichert die Band mit fast schon luftigen Klängen, ProgRock-Zitaten, Twin Guitars und freischwebenden Arrangements an. Die Highspeed-Attacken gibt es auch noch, aber mit dieser Paletten-Erweiterung legen Kvelertak ihre hochspannende Matura ab.

Various Artist – „ Another Splash of Colour“ (Cherry Red)

Zu Beginn der 80er Jahre, als das britische Königreich noch nichts von seiner bevorstehenden Eroberung durch zunächst die Smiths, eine Dekade später durch BritPop ahnte, erfasste eine farbenprächtige, von bewusstseinserweiternden Substanzen angeregte Revival-Welle die Proberäume landauf, landab. Sixties-Psychedelia war der Sound der Stunde und die fast vergessenen Klang-Experimente aus einem halben Jahrzehnt kann man jetzt auf dieser exquisiten 3-CD-Box nachhören. Mit dabei die Big Names des NuPsych-Sounds: Mood Six, The Barracudas und The Times. Ein besonderes Highlight auch das beseelte Psychedelia-Experiment der Punk-Gründerväter The Damned, die unter dem Namen Naz Nomad & the Nightmares mit dem Album „Give Daddy the Knife, Cindy“ einen echten Klassiker unter dem Gürtel haben. Satte 64 Songs umfasst die Retrospektive, ein kompetentes Essay von NME-Schreiber Neil Taylor zum nicht so arg geläufigen, dafür umso hörenswerterem Thema rundet das stimmige Paket ab.

Santana – „Santana IV“ (Universal)

Und noch einmal Zeitreise, noch einmal mit den Legenden unterwegs. In diesem Falle mit Carlos Santana, der gerade mal ein Jahr jünger als Lindenbergs Udo ist, und nicht minder Spuren im rockpophistorischen Atlas hinterlassen hat. Latinrock-Gott, Woodstock-Veteran, Gitarrengenie. Und als solcher gönnt sich der Mann aus dem mexikanischen Autlán de Navarro seinen eigenen Trip in der Zeitmaschine. Für sein neuestes Album hat er sich zum ersten Mal seit 1973 mit der Santana-Originalbesetzung, gegründet anno 1966, zusammengetan:  Tom Frazier (Gitarre), Mike Carabello (Percussion), Rod Harper (Schlagzeug), Gus Rodriguez (Bassgitarre) und Gregg Rolie (Orgel, Gesang). Doch von angejahrtem Gedächtnis-Schwof ist das auch im Artwork an alte Zeiten gemahnende Album meilenweit entfernt, im Gegenteil: Das nostalgische Rückführungs-Experiment gelingt in Gänze. Die Wah-Wah-Gitarren kratzen, der Brückenschlag von Blues zu Latin und zurück ist noch immer tragfähig und wirklich einzigartig ist, wie Meister Carlos hier die Grenzen zwischen klassischem Songwriting und Jam-Session verwischt.

Auf meinem Plattenteller

Ingo Scheel – Ibiza Style Music Editor

PJ Harvey – „The Wheel“

Unglaublich, wie hörenswert Polly Jean auf ihrem neuesten Album die Kombination aus politischer Dringlichkeit und Pop-Appeal verbaut

Udo Lindenberg – „Daumen im Wind“

Aus gegebenem Anlass die Retrospektive mit Hut, damals noch ohne selbigen, sondern mit vorzeigbarem Haupthaar. Udos erste deutschsprachige Platte, ein zeitloses Meisterwerk

Louis de Funès – Filmmusiken

Fast so gut wie die Filme selbst: der zappelige Soundtrack dazu mit dem Besten aus Klamauk, Orchestermarsch und Easy Listening

The Last Shadow Puppets – „Bad Habits“

Ich bekomme die Single kaum vom Plattenteller. Süchtigmachender Stoff in sonnengelbem Vinyl

Zeltinger – „Die Kuh“

Immer gut, wenn Anni Perlen aus der Plattensammlung fischt. In diesem Fall das inspirierte Frühwerk des Kölner Originals