Gorillaz – „Humanz“ (Parlophone/Warner)

Kaum einer der Britpop-Survivor ist so umtriebig wie Damon Albarn. Während einstige Gegenspieler wie Oasis‘ Liam Gallagher sich auf Pöbeln und Freizeit verlagert haben, wechselt der Blur-Frontmann die Projekte wie andere das Gitarren-Plektrum. Neben Solo-Alben, Ethno-Ausflügen und der Superband The Good, the Bad & the Queen, ist es jetzt wieder an der Zeit für seine Comic-Allstars, die Gorillaz. Sieben Jahre waren die Vier abgetaucht, jetzt melden sich 2D, Murdoc Niccals, Noodle und Russel Hobbs mit neuem Album zurück und haben sich in Gestalt von Granden wie Noel Gallagher, Grace Jones, De La Soul und Mavis Staples, um nur einige zu nennen, locker zwei Dutzend Gaststars als Verstärkung ins Studio geholt. Dass das Ganze dennoch funktioniert, ist den Songs geschuldet, die hier ein rundes Werk bilden, das gekonnt zwischen Gospel-Updates wie „Hallelujah Money“, Discofunk vom Schlage „Strobelite“ oder „Submission“ und R‘n‘B à la „She`s my Collar“ changiert. Die Opulenz mag den einen oder anderen überfordern, dennoch ein superbes, modernes Album zwischen Anspruch und Dancefloor.

Feist – „Pleasure“ (Polydor/Universal)

Die Indie-Queen der nuller Jahre hat endlich ein neues Album am Start. Wir erinnern uns: Mit „Let it die“ eroberte die Kanadierin anno 2004 die Herzen ihrer Hörer, mit „The Reminder“ (2007) war sie endgültig zum Superstar der etwas anderen Art aufgestiegen. Intelligentes Songwriting, eigenwillige Strukturen, tolle Melodien zwischen Understatement und Doppelbödigkeit – all das verwoben zu Songs, unter denen etwa „1234“ oder auch „My Moon My Man“ zu den herausragenden gehören. Dass sie es überhastet angeht, kann man ihr nicht vorwerfen, und die lange Pause nach dem Vorgänger „Metals“ (2011) hat der Qualität des Materials wie gewohnt gut getan. Der Titeltrack betört mit spukhafter Gitarre, „Get Not High, Get Not Low“ verwebt Joni Mitchell und Country, „Any Party“ kommt überraschend kratzbürstig daher und gemahnt an Chrissie Hyndes Pretenders, zusammen mit Gaststar Jarvis Cocker gerät „Century“ zum bluesigen Stampfer, trotzig, selbstbewusst, voll subtiler Kraft. Man möchte ihr zurufen, ihre Hörer nicht immer so lange warten zu lassen. Die Qualität von „Pleasure“ gibt Feist und ihrer Arbeitsweise jedoch ohne Umschweife Recht.

Coco Beach Ibiza – „Vol. 6“ (Kontor Records/Edel)

Danielle Diaz hat es wieder getan: Nach der unglaublich erfolgreichen fünften Ausgabe des Compilation-Klassikers aus dem Hause Coco Beach, den im Vorjahr illustre Größen wie Moby, Felix Jaehn und Robin Schulz veredelten, gibt es jetzt passgenau in die Euphorie des Saisonstarts hinein die neue Ausgabe, betitelt „Vol. 6“. Auch diesmal kooperieren Danielle Diaz und das Label Kontor Records, auch diesmal hat sich auf drei prallgefüllten CDs alles von Big Names wie Jose Padilla und Major Lazer & DJ Snake, den Überraschungs-Durchstartern von Milky Chance bis zur gigantisch guten Alicia Keys versammelt, um den Soundtrack des Sommers auf der weißen Insel zu liefern. Ein gekonnter Rhythmuswechsel zwischen groovy und chillig, enstpannt und tanzkompatibel, kurzum das balearische Lebensgefühl in seiner audiophilen Essenz. Ein Tipp für alle, die noch zögern: Schon anno 2016 war das Album bereits während der Saison restlos ausverkauft, auch in diesem Jahr empfiehlt sich also zügiger Zugriff.

Carl Craig – „Versus“ (Infine/Rough Trade)

Die Eminenz aus Detroit hat wieder an den richtigen Schaltern und Reglern gedreht, dabei jedoch Teile des eigenen Oeuvres in ein ganz neues, ganz und gar ungewöhnliches Klanggewand gegossen. Auf „Versus“, nicht im geringsten so kopflos, wie es uns das Cover weismachen will, hievt Craig seinen Technosound in orchestrale Gefilde. Die Inspiration für diese Platte zog er aus einem Konzert von 2008, bei dem das Pariser Symphonieorchester Les Siècles die Techno-Tracks des Mannes aus Detroits zu Klassik-Preziosen umarbeitete. „Versus“ setzt hier an, zusammen mit Pianist Francesco Tristano, der für die Partituren zuständig war, und Craigs langjährigem Kompagnon Moritz von Oswald, mit dem er einst „Composed“ an den Start brachte, ist „Versus“ das überaus gelungene, erneute Experiment, klassischen Funk und klassische Sounds miteinander zu verbinden. Herausgekommen ist ein vielschichtiges, immer wieder überraschendes Werk, dass den Unterbau der reinen Technolehre mit der Opulenz von Klassik und getragenen Film-Soundtracks verbindet, kurzum ein Crossover der überaus ungewöhnlichen Art. Mehr als ein Geheimtipp.

Slowdive  – „Slowdive“ (Dead Oceans)

Die Protagonisten haben die Bezeichnung ihres Sounds nie wirklich gern gehört: Shoegazing. Wirklich? Nur auf die Schuhe starren – und das war es? Not at all. Bands wie Swervedriver verbauten ihre Gitarrensounds Anfang der 90er zu psychedelischem Brit-Grunge, The Jesus & Mary Chain hatten schon eine Dekade zuvor für db-starke Aufmerksamkeit gesorgt, Acts wie Ride und Slowdive bildeten später die Vorhut des klassischen Britpops um Oasis und Blur. Alle haben etwas gemeinsam. Sie firmierten unter „Shoegaze“. Und sie alle sind mittlerweile nicht nur live, sondern auch mit neuen Alben wieder da. Als letzte der Big Names reihen sich nun Slowdive ein und deren selbstbetiteltes Comeback-Album klingt nicht im geringsten nach 22-jähriger Pause, ganz im Gegenteil: Völlig selbstverständlich nehmen die einstigen Pioniere den Faden wieder auf und stellen ihr neues Material aus dem Stand auf eine Stufe mit den Klassikern „Just For A Day“ (1991 ), „Souvlaki“ (1993) und „Pygmalion“ (1995). Wer noch Zweifel hat, dem sei das überirdische „Star Roving“ empfohlen, ein treibendes Melodie-Biest, euphorisierend, süchtigmachend, Stoff für die Repeat-Taste. Im Sommer sind die Briten auf Europatour. Nicht verpassen!

Auf meinem Plattenteller

Ingo Scheel – Ibiza Style Music Editor

Beatles – „Yellow Submarine“

Die Fab Four sind nicht kaputtzukriegen. Zeitlos, inspiriert, funny as hell, der Klassiker läuft bei mir in knallgelbem Vinyl.

Sex Pistols – „God save Sex Pistols“

Zum „Record Store Day“ was Neues von den Pistols? Nicht wirklich. Der Sound ist fast genau so wie auf dem später veröffentlichten „Never mind the Bollocks“, ein Track („Satellite“ statt „Bodies“) wurde getauscht, dennoch: eine Platte, die immer noch so viel größer ist als die Summe ihrer Teile.

The The – „We can‘t stop what‘s coming“

Nach etlichen Jahren hat Matt Johnson wieder einen Track veröffentlicht. Der Mann, der uns Perlen wie „Uncertain Smile“ bescherte, hat nichts verlernt. Toller Song, von Johnny Marrs Gitarre veredelt.

Heinz Strunk – „Sanky Panky Boy“

„Nie mehr Brot vom Vortag“ singt das Hamburger Genie und fordert la dolce Vita für alle. Ich stimme gern mit ein, keiner groovt so auf dem Grat zwischen Grandezza und Quatsch wie der Gigant mit der Querflöte.

The Jam – „Live at the 100Club 1977“

You say Weller, I say „Yeah“. Superber Live-Mitschnitt der Brit-Helden von The Jam, direkt aus der Blütezeit des Punkrock.