Beach House – „7“  (Pias Coop/Bella Union/Warner)

Best-of-Alben und Live-Recordings, Outtakes und Raritäten – derlei Veröffentlichungen taugen bestens, um entweder kurzzeitige Inspirationspausen zu überbrücken oder dem geneigten Hörer mitzuteilen, dass man es mit einer Zäsur zu tun hat. Victoria Legrand und Alex Scully, die beiden Künstler hinter Beach House, machen da keine Ausnahme. Nach der letztjährigen Compilation „B-sides and Rarities“ melden sich die beiden nun vielleicht nicht ganz neuerfunden, aber doch soundtechnisch grundüberholt und mit frischem Schwung wieder zurück. ‚Dreampop’ mag immer noch auf ihrer Soundschublade stehen, aber mittlerweile ist da einiges mehr an Zwischentönen und gewagten Ausflügen in angrenzende Terrains. Songs wie „Lemon Glow“, „Drunk in L.A.“ oder „Pay No Mind“ öffnen die Türen weiter als zuletzt, um dem schlafwandlerischen, wollenen Sound, den Franzosen von Air nicht unähnlich, eine kratzige, gitarrenlastige Note hinzuzufügen. Dass sich das stimmig zueinander fügt, ist nicht zuletzt Co-Produzent Sonic Boom und Engineer Alan Moulder (Nine Inch Nails, The Killers u.a.) zu verdanken.

Too Slow To Disco  – „Brasil“  (How Do You Are?/Rough Trade)

Wir bleiben bei der schönen Tradition: An „Too Slow To Disco“ führt hier kein Weg vorbei, erst recht nicht, wenn es mit der fünften Ausgabe Richtung Brasil geht, und sich das Ganze erneut als so stimmig-stimmungsvoll und erlesen kompiliert erweist, wie bei den vier Vorgänger-Compilations. Diesmal saß Ed Motta, der junge Neffe der brasilianischen Soul-Ikone Tim Maia, an der Schaltstelle. Als Musiker blickt er auf 15 veröffentlichte Alben, als Kurator verfügt er über ein äußerst kompetentes Händchen. Zuckerhut-Helden wie Rita Lee (einst Mitglied der legendären Os Mutantes) ist dabei, Cassiano, einer der Gründer von Bossa Trio und Os Diagonais, dazu Megaseller wie Roupa Nova. Aber nicht nur die Big Names machen hier das Spiel, der Mix wird wie gewohnt feinstens abgeschmeckt mit unbekannteren Genies vom Schlage Carlos Bivar oder Gelson Oliveira & Luiz Ewerling, deren Tracks unglaublicherweise nie offiziell erschienen sind, sondern von privaten Pressungen stammen. Es bleibt aufregend im Hause „Too Slow…“, oder wie Ed Motta es selbst ausdrückt: “Dies ist ein Trip in den Sonnenuntergang in Rio de Janeiro, Los Angeles, Miami, Hawaii. Aloha!“

Van Morrison & Joey Defrancesco – „You’re Driving Me Crazy“ (Sony Legacy)

Man muss wohl über einen Legendenstatus wie Van Morrison verfügen, um seine neue Platte in ein solches, nicht unbedingt schmeichlerisches Cover zu hüllen. Und gut, dass Joey Defrancesco Humor hat und drüber lachen kann, wenn Maestro Morrison sich angesichts seines Trompetenspiels die Ohren zuhält. Nimmt man noch den Albumtitel dazu, muss man fast meinen, es hier mit einem latent anstrengenden Werk zu tun zu haben, doch man könnte kaum falscher liegen, im Gegenteil: Morrisons 39. Album, das dritte (!) in den letzten sieben Monaten, kommt ausgesprochen smooth und relaxed daher. Blues Standards passen sich hier neben Altbewährtem aus dem Back-Katalog ein, Ray Charles’ „Sticks and Stones“ erfährt einen überaus hörenswerten Make-Over und „Every Day I Have The Blues“ dampft nur so vor entspannter Spielfreude. Zwei Meister im Clinch, dazu einige Standards, aufgenommen in bester Laune, machen aus diesem Album einen unaufgeregten Clubjazz-Klassiker, der seine Qualität vor allem auch daraus bezieht, dass hier zwei Könner am Werk sind, die sich nichts mehr beweisen müssen, sondern sehr genau wissen, was Effektivität in Sachen Arrangement bedeutet.

Adamo Golán – „Exile And The New“ (Kingdoms/Rough Trade)

Die Soundkategorie mag etwas sperrig klingen, aber der Vollständigkeit halber muss sie zitiert werden, bringt sie diesen Soundhybriden, wenn auch umständlich, so doch sehr treffend auf den Punkt: „Club-Inflected Jazz & Contemporary Composition, Ambient, and Electronic Music“ ist das Zauberwort. Der Mann, auf den das zurückzuführen ist, nennt sich Adamo Golán, dahinter verbirgt sich der Deutsch-Brite Laurens A. Schmidt, der hier sein Debüt feiert. Der Sound, den Golán/Schmidt entblättert, ist so schillernd wie reizvoll. Mal klingen die ineinanderübergehenden Tracks wie der experimentelle Soundtrack eines impressionistischen Schwarz-Weiß-Films, dann wehen Industrial-Versatzstücke unheilvoll herüber. „Fis“ dagegen, der Opener, klingt fast versöhnlich naturalistisch, „Lie To Me“ wie ein regnerischer Gruß, verwunschen und geheimnisvoll, an Satie und Päärt erinnernd, dessen Harmonieverschiebungen sicher auch Massive Attack gut zu Gesicht gestanden hätten. Zum Einsatz kommen gleichberechtigt sowohl Field Recordings als auch klassisches Klavier, rauhe Gitarrendetails und Ambient-Teppiche. Ein Debüt, das sich wohltuend zurücknimmt, und gerade daraus eine ganze eigene Kraft, einen sogartigen Reiz entfaltet.

Jon Hopkins – „Singularity“ (Domino)

Gestartet ist Jon Hopkins als Keyboarder für Imogen Heap, später hat er sich einen veritablen Namen als musikalischer Kollaborateur für Größen wie David Holmes, Coldplay oder Brian Eno gemacht, großartige Scores zieren ebenfalls sein Portfolio. Ein Jahrzehnt lang ist das legendäre Domino-Label jetzt schon seine musikalische Heimat, genau der richtige Background für einen Freigeist wie Hopkins, der bereit ist, immer neue Terrains mit seiner Musik zu erkunden. Fünf Jahre ist „Immunity“, u.a. nominiert für den Mercury Prize, schon her, nun folgt endlich der Nachfolger. „Singularity“ bewegt sich dabei gar nicht einmal so weit vom Vorgänger weg. Kratzige Effekte, wie Fingernägel auf Ton, stehen gleichberechtigt neben eingängigen, sphärischen Soundscapes, die Beats behaupten sich schnurgerade, um im nächsten Moment von Jump Cuts aufgebrochen zu werden. Songs wie „Emerald Rush“ sind Techno organischer Prägung, in einem Moment störrisch wie Aphex Twin, im nächsten fast naiv melodisch wie der unvergessene Robert Miles. Fast wirkt es so, als wolle Hopkins die ganz große Tanz-Maschine erst mit dem nächsten Album von der Leine lassen. Hoffen wir, dass es nicht wieder fünf Jahre dauert.

Auf meinem Plattenteller

Ingo Scheel – Ibiza Style Music Editor

Liam Gallagher – „As You Were“

Als Oasis-Fan alter Schule landet man immer mal wieder beim Solo-Output der zerstrittenen Brüder. Noel mag etwas konzentrierter, nachhaltiger zu Werke gehen, aber Liams Blaupausen der alten Classics haben unbestritten einen nostalgischen Reiz.

Urge Overkill – „Saturation“

Meine frisch gestartete Radioshow auf Byte.FM bedarf der Vorbereitung. In der zweiten Ausgabe von „Flashback“ dreht sich alles um die bestgekleidete Band Chicagos und ihr formidables Album von 1993.

Kvelertak – „Meir“

Meine Lieblings-Metalband hat tatsächlich meiner alten Heimat Kiel einen Besuch abgestattet und die Party war der Kracher. Das Fazit: Endlich neue Band-TShirts, dazu die Hits der ersten drei Alben auf Heavy Rotation.

Gaz Coombes – „World’s Strongest Man“

Drittes Album als Solist, erneut ein absolut gelungener Wurf. Der Ex-Supergrass-Sänger überzeugt mit tollen, eigenständigen Sounds und betörenden Songs.

The Who – „Who’s Next“

Am Vatertag ohne viel nachzudenken aus dem Regal gezogen, aufgegelegt und wieder einmal sprachlos gewesen über so viel Klasse, dicke Hose und Evergreens. Was für ein Mammutwerk einer Mammutband.