The Last Shadow Puppets – „Everything You’ve come to Expect“ (Domino/Goodtogo)

Ist das wirklich schon wieder so lange her? Acht Jahre hat „The Age of Understatement“, das grandiose Debüt der Last Shadow Puppets, schon auf der Uhr und seitdem hat sich für das Duo einiges getan. Alex Turner hat höchst erfolgreich den Reifeprozess seiner Band Arctic Monkeys vorangetrieben. Miles Kane hat seinen Rascals den Rücken gekehrt, veritable Soloalben veröffentlicht und mit Paul Weller zusammen auf der Bühne gestanden. Nun also der Relaunch ihrer Männerfreundschaft und dort, so lässt sich auf “Everything You’ve Come To Expect” nachhören, scheint alles beim Alten, auch wenn die jungen Herren ihre Soundpalette dezent erweitern: Erneut wird hier das schwelgerische Ende der 60er Jahre erkundet, verdichten Songs wie der Titeltrack, das schwebende „Aviation“ und auch das  ungewohnt maskuline „Bad Habits“ die Vorliebe von Turner und Kane für die großen Namen wie Scott Walker, Serge Gainsbourg und David Axelrod. Das alles wäre jedoch nur die Hälfte wert ohne die Streicher-Expertise von Owen Pallett, der wie schon auf dem Erstling für diese unglaublich weiten Melodiebögen sorgt. Das Warten hat sich gelohnt. Und man darf jetzt schon gespannt sein, wie lange es bis zum dritten Album dauert.

Pet Shop Boys – „Super“ (X2/Rough Trade)

Wie sagte es Benjamin von Stuckrad-Barre jüngst so treffend: Als Fan geht er jeden Weg mit, gerade bei den Pet Shop Boys. Da sei es egal, ob sie gute oder nicht so gute Alben veröffentlichen würden – er bleibt treu. Musikalische Loyalität in allen Ehren, aber bei einer Band wie dem dynamischen Duo aus London fällt es nun auch ausgesprochen leicht, den Weg mitzugehen – so verlässlich, inspiriert und niveau-konstant, wie die Jungs aus dem Zoogeschäft agieren, seit sie Mitte der 80er Jahre die „Westend Girls“ in „Suburbia“ von der Leine ließen. Wie gewohnt ist der Albumtitel reduziert und diesmal wohnt ihm gleich die qualitative Einordnung inne: Wo „super“ drauf steht, ist „super“ drin. Produziert hat Stuart Price (Madonna, Zoot Woman), geschrieben wurde in London und Berlin, aufgenommen in Los Angeles. Allein die Vorab-Single gab schon den Kurs vor: „The Pop Kids“ hat alles, was man als Fan der Pet Shop Boys mag, liebt, fordert, erwartet. Und wer das Ouevre von Neil Tennant und Chris Lowe in feierlichem Rahmen geniessen will, der sollte sich die „Inner Sanctum“-Shows im Juli in Londons Royal Opera House nicht entgehen lassen.

Charles Bradley – „Changes“ (Daptone/Groove Attack)

Wer sollte den Blues haben und mit soviel Soul singen, wenn nicht er? In Brooklyn unter ärmlichen Bedingungen aufgewachsen, später Koch gelernt, als solcher zunächst in einer psychiatrischen Klinik, später in Kalifornien tätig gewesen, ging Charles Bradley seiner Leidenschaft, der Musik, lediglich in seiner Freizeit nach. Es sollte viele lange Jahre dauern, bis er Anfang der nuller Jahre, als James-Brown-Impersonator, entdeckt wurde. Bis zu einem ersten Album brauchte es fast ein weiteres Jahrzehnt, bis anno 2011. Dann aber kam die ganze Welt in den Genuss der einzigartigen Stimme des Amerikaners, dessen neue Platte nun vom „Rolling Stone“ als eine der „am heißesten ersehnten Alben 2016“ identifiziert wurde. Ein später, ein verdienter Ruhm für den bescheidenen 68-Jährigen. Der „Screaming Eagle of Soul“ ist zu einer festen Größe geworden, eine Position, die er mit „Changes“ sichert. Der Titeltrack ist ein Original von Black Sabbath (!), Bradley macht daraus einen ganz eigenen, zu Herzen gehenden Soulsong. Musikalisch stehen ihm die Menahan Street Band, die Budos Band, die Dap-Kings und The Extraordinaires zur Seite, mit denen Bradley auch auf Tour geht. Mit Tracks wie „Change For The World“ und „Ain’t Gonna Give It Up“ ist „Changes“ eine echte Weiterentwicklung, die seine Roots mit modernen Sounds kombiniert.

The Ladys of ‚Too Slow to Disco‘ – Various Artists (How do you are? Recordings)

Marcus Liesenfeld alias DJ Supermarkt hat es wieder getan. Seine klanglichen Fundstücke aus dem nicht ganz discofähigen, dafür unglaublich entspannenden Musikregal gehen in die dritte Runde. Diesmal im Mittelpunkt der „Too Slow to Disco“-Reihe: Die Ladys. Für jene Ernte, die heuer Künstlerinnen wie Adele, Beyoncé und Alicia Keys einfahren, haben sie einst, in den Tiefen der 70er, das Feld bestellt. Die Big Names wie Carole King und natürlich Rickie Lee Jones dürften bekannt sein, hier aber treten die nicht minder großartigen Künstlerinnen aus der zweiten Reihe nach vorn ins Licht. Laura Allan etwa, deren „Opening up to You“ in Klang gegossenes Sonnenlicht ist. Oder Carole Bayer Sager, auf deren Konto „It’s the Falling in Love“ geht, ein Song, den sicher nicht wenige vom Jackson-Klassiker „Off the Wall“ kennen und für eine Komposition des „King of Pop“ halten. Durch all diese Songs weht die Transparenz und Eingängigkeit des ‚Easy Listenings‘. Ein Begriff, der so treffend wie einschränkend ist. Natürlich ist das hier im besten Sinne gefälliger Stoff, vor allem aber ist es eine superbe Bilanz des gleißenden L.A.-Sounds zwischen Laurel Canyon und den Hollywood Hills. Pflichtplatte für den Sommer, traditionell auch in opulenter Doppel-Vinylversion,

Moderat – „III“ (Mute Records)

Moderat, das sind Gernot Bronsert, Sebastian Szary (aka Modeselektor) und Sascha Ring (aka Apparat) und mit dem so schlicht wie klar betitelten Album macht das Trio erneut einen Schritt Richtung Welteroberung. Ging es auf den Vorgängern noch mehrheitlich um Sounds, um Strukturen und repetitive Muster hält jetzt so etwas wie klassisches Songwriting Einzug in ihren Stil. Techno und kompositorische Konvention – in den vergangenen Jahren nicht eben eine Love Story, wenn überhaupt, dann maximal ein Flirt der beiden Soundwelten. Moderat nun gelingt das Kunststück, das übersichtliche Stilkonstrukt des Technos mit subtiler Melodie, einer Portion Drama und eigenwilligen Arrangements anzureichern und so eine zutiefst eigene Ausformung des Genres vorzunehmen. Dabei stehen die Songs immer noch mit mehr als einem Bein im Club, das andere aber tritt aufs Fundament so unterschiedlicher Künstler wie Radiohead, Ghostpoet oder U.N.K.L.E. – eine Platte, die traditionelle Moderat-Fans herausfordern dürfte, dazu aber jede Menge neue Anhänger einbringen wird.

Auf meinem Plattenteller

Ingo Scheel – Ibiza Style Music Editor

Spidergawd – „I – III“

Als hätten Monster Magnet und Deep Purple gemeinsam einen Sommerurlaub verbracht und auf dem Flohmarkt ein Saxophon gekauft. Famoses 70s-Rock-Update, frisch und voller Groove.

Lee Hazlewood – alles

Das „Light in the Attic“-Label bereitet mit seinen geschmackvoll aufbereiteten Re-Releases den Weg für die Neu- und Wiederentdeckung des legendären Crooners. Tolle Platten, eigenwilliges Songwriting und eine Stimme, in der sich Johnny Cash und Scott Walker auf einen Whiskey treffen.

„Asterix und Kleopatra“

Seit einem halben Jahr nennt Anni einen Plattenspieler ihr Eigen, ein knalloranges, cooles Koffergerät. Das Handling funktioniert, die Sammlung wächst, auf der Playlist: klassisches Hörspiel-Vinyl aus den 60s und 70s.

Steve Mason – „Meet the Humans“

Der Kopf der Beta Band mit seinem dritten Solo-Album, ein schillerndes Stück Musik zwischen Songwriter-Feinsinn und großem Epos.

The Damned – „Machine Gun Etiquette“

Im Mai bin ich in der ausverkauften Londoner Royal Albert Hall, wo die Urväter des Punkrock ihr 40-jähriges Jubiläum feiern. Die einstigen Drei-Akkorde-Ritter sind längst britisches Kulturgut und klingen dabei immer noch so fulminant wie 1976.