Jamiroquai – „Automaton“  (Virgin)

Einen wie ihn muss man nicht groß vorstellen. Nun war Jay Kay aber locker sieben Jahre in der Versenkung verschwunden, daher zumindest ein kurzer Reminder: Von 1992 an arbeitete er sich mit seiner Band Jamiroquai äußerst erfolgreich an einem postmodernen Funk- und Soul-Update ab. Die Band landete Hits wie „Cosmic Girl“ und „Virtual Insanity“, holte sich 1998 einen Grammy ab und platzierte „Deeper Underground“ auf dem „Godzilla“-Soundtrack. Legendär dabei Jay Kays Hang zu extraordinären Kopf-Bedeckungen, sein Ruf als Feierbiest und sein extremer Autotick. Mit Ende der Nuller Jahre schien sich der Karriere-Hangover anzubahnen, seit 2010 hat man nichts von Jamiroquai gehört. Jetzt also das Comeback und mit „Automaton“ knüpft man scheinbar mühelos an alte Hitzeiten an. Den Sound hat man dezent modernisiert, die Funk-Grooves mit maschinellen Akzenten zwischen Daft Punk und Kraftwerk unterfüttert und schließlich sogar den alten Indianer-Kopfschmuck entmottet. Jay Kay is back, als wäre nichts geschehen. Zugegeben, in Interviews wird der Sänger nicht müde, seine Läuterung hin zum verantwortungsvollen Familienvater zu betonen, aber wer Tracks wie “Something About You”, „Cloud 9“ oder “Carla” hört, merkt schnell, dass in Daddy immer noch der Partylöwe sein Unwesen treibt.

Karen Elson – „Double Roses“ (1965)

Models, die singen – das ist durchaus ein Grenzgang zwischen dünnwandiger Imagepflege und tatsächlicher Begabung. Eine wie Karen Elson jedoch hat mit solchen Einordnungsfragen wenig am Hut, dazu klingt ihre Musik viel zu originär und leidenschaftlich, bewegt sie sich als Songwriterin mit ihrer zweiten Platte „Double Roses“ zu selbstbewusst zwischen den Welten. Sieben Jahre sind seit ihrem Debüt vergangen und die Dinge könnten sich kaum drastischer geändert haben. „The Ghost You Walk“, eine nonchalante Sammlung von Murder Ballads und bluesigem Folk, hatte ihr damaliger Gatte Jack White produziert. Anno 2017 haben die beiden eine nicht ganz einfache Scheidung hinter sich und an „Double Roses“ ist mit Pat Carney ausgerechnet der Drummer der Black Keys beteiligt, deren Sänger Dan Auerbach wiederum ein Intimfeind des „Seven Nation Army“-Sängers ist. Einiges los also im Hause Elson, steht ihr vielleicht deshalb auf dem Cover das Wasser bis zum Hals? Ihre Musik kann nicht der Grund sein, denn da bewegt sich die ätherische Schönheit mit den knallroten Haaren gekonnt zwischen 60s-Folk, reduziertem Westcoast Pop und verwehten Erinnerungen an den Laurel Canyon – kurzum die perfekte Platte für den Sommer.

Goldfrapp – „Silver Eye“ (Mute)

Wie heißt es so schön: Time flies. Die Zeit, sie rennt dahin. Ein Gefühl, dass einen auch beim Betrachten des Gründungsjahres von Goldfrapp beschleicht. Auf 1999 wird der Stapellauf des eigenwilligem Duos datiert. Fast zwei Dekaden also sind Alison Goldfrapp und ihr Kompagnon Will Gregory also schon gemeinsam aktiv und schrieben sich währenddessen insbesondere mit dem Klassikeralbum „Felt Mountain“ (2000), einem hypnotischen Mix aus Trip-Hop, Filmmusik-Anklängen und verhuschtem Soul, in die Geschichtsbücher der Popmusik. Auf späteren Alben erweiterten sie das Soundbild, zuletzt wurde es ruhiger um die beiden. Mit „Silver Eye“ nun also ein kleines Comeback. Auf dem letzten Album „Tales of Us“ (2013) beherrschte die Kombination aus akustischen Gitarren und Streichern das Klangbild, jetzt ziehen Goldfrapp wieder einmal die Keyboard-Sammlung aus dem Regal. Dabei gelingt ihnen, über die Jahre geschult im fortwährenden Wechsel zwischen Stilen und Sounds, wieder einmal ein internes Update, wenn auch mit bekannten Codes. Songs wie das stoisch pumpende „Anymore“, „Beast That Never was“ mit seinem bedrohlichen Bass oder das groovige „Become the One“ verquicken das Beste aus den Welten von Depeche Mode und Human League, Kraftwerk und Heaven 17, Björk und eben Alison Goldfrapp zum ebenso typischen wie unwiderstehlichen Sound der Band.

Thundercat – „Drunk“ (Brainfeeder)

Für einen wie Stephen Bruner alias Thundercat konnte es scheinbar gar keinen anderen Weg als den in die Welt der Musik geben. Sein Vater trommelte einst bei den Temptations und Diana Ross, Bruner begann schon mit vier Jahren Bass zu spielen. Als Sessionmusiker schließlich hatte er schnell einen exquisiten Ruf und bediente das Instrument für so unterschiedliche Künstler wie Snoop Dogg und Erykah Badou und spielte von 2002 an bei der Crossover-Legende Suicidal Tendencies. Den endgültigen Durchbruch schaffte er mit seiner Beteiligung an Kendrick Lamars „To Pimp a Butterfly“, heute zählt Thundercat, so sein geläufiger Spitzname, unter dem er selbst veröffentlicht, zu den absoluten Big Names. Mit seinem dritten Album „Drunk“ nun arbeitet der Mann mit dem Hang zum auffälligen Outfit sich erneut an so ziemlich allem zwischen Soul und Funk, Hip-Hop, R’n’B, Jazz und Blues ab und verdichtet das Füllhorn an Einflüssen und Ideen zu einem Sound, der bei aller Dichte, unglaublich direkt und homogen funktioniert. Ein quirliger Mix zwischen Hits und Improvisation, schweren Grooves, pumpendem Bass, in superbe Arrangements gegossen. Dass Thundercat einen erstklassigen Ruf genießt, sieht man allein an der Guestlist, auf der neben Kendrick Lamar auch Pharrell Williams, Wiz Khalifa und Kamasi Washington ihre Visitenkarte abgeben.

Drake – „More Life“ (Warner Music)

Zur Veröffentlichung seines neuen Albums hat es Drake wieder einmal besonders spannend gemacht. Auf seinem eigenen Radiosender hatte er via Apple Music ein paar Appetizer unters Volk gebracht, aber lange war nicht klar, worum es sich bei „More Life“ handeln würde, selbst die Gerüchte um ein Mixtape machten die Runde. Am Ende wurde es ein reguläres Album mit jeder Menge Gaststars, darunter so illustre Größen wie Young Thug, 2 Chainz, Kanye West und vielen mehr. Satte 22 Songs gibt es zu hören, darunter auch die exquisite Single „Fake Love“. Nun ist Quantität nicht mit Qualität zu verwechseln, aber allein die Tatsache, dass die Platte nach ihrer digitalen Veröffentlichung fast 400 Millionen Hörer gefunden hat, spricht eine spektakuläre Sprache. Dabei sind es nicht zuletzt die verschiedenen Kollabos, die „More Life“ einen im besten Sinne wechselhaften Charakter geben und die einzelnen Tracks mit sehr unterschiedlichen Stimmungen, Beats und Grooves versehen. Anspieltipps: Das nervös-swingende „Sacrifices“ mit 2 Chainz und Young Thug, und das extrem elegante „Get It Together“ mit Jorja Smith und Black Coffee. Ein pralles Album, das auch dem x-ten Hören noch Überraschendes zum Neuentdecken bietet.

Auf meinem Plattenteller

Ingo Scheel – Ibiza Style Music Editor

Public Enemy – „Fight the Power“

Gerade im Angesicht der Trump-Ära und ihren Folgen eine wichtige Stimme: Chuck D. und seine Mannen mit einem Klassiker des revolutionären Raps

Kevin Morby – „I Have been to the Mountain“

Mir fiel der Song kürzlich im Abspann der Amazon-Serie „Sneaky Pete“ auf, seitdem habe ich ihn ca. 120 Mal gehört. Ein atmosphärischer, schneller Blues, superb arrangiert und tiefgründig

The Jesus & Mary Chain – „Damage and Joy“

Die ewig streitenden Brüder und ihre Noisepop-Band sind zurück. Es heißt, sie hätten sich versöhnt. Hits schreiben können sie noch immer. Tolles Comeback.

The War on Drugs – „An Ocean in between the Waves“

Ein Song, bei dem ich immer wieder lande, und ihn dann nicht unter drei Durchläufen aus den Händen gebe. Krautrock à la Neu! meets Dylan und Dire Straits. Hypnotisch!

Afghan Whigs – „Open Up“

Die Soulgrunger um Greg Dulli melden sich mit dem zweiten Album nach der Reunion zurück und sind bestens in Form – dark, stylish, hochmelodiös.