David Gilmour – „Rattle that Lock“    (Columbia)

Sie sterben langsam aus, die großen Rock-Dinosaurier. LedZep sind zu den Akten gelegt, The Who befinden sich auf Farewell-Tour und mit „Endless River“ ist wohl auch endgültig das Kapitel Pink Floyd abgeschlossen. Dass es ein Leben danach gibt, beweist uns Ausnahmegitarrist David Gilmour nun ziemlich eindrucksvoll. „Rattle that Lock“ nennt er sein neues Solo-Album. An welchem Schloss mag hier gerüttelt werden? Dem des alten, ebenso legendären wie zuweilen einengenden Korsetts seiner einstigen Supergroup? Gilmours Songs klingen jedenfalls wie die eines Mannes, der wieder durchatmet, der neue Freiheit geniesst, sich zum einen seines Alters und der Vergänglichkeit bewusst ist, zum anderen aber weiß, dass es immer noch neue Ideen, neue Songs da draußen gibt. Man muss nur auf seine Muse hören. Gilmour hat das getan, Tracks wie der Titelsong, „A Boat Lies Waiting“ oder auch das passend betitelte „Beauty“ zeigen das Saitengenie in Bestform. Für das Coverartwork zeichnet übrigens Dave Stansbie von Creative Corporation, unter der kreativen Leitung von Aubrey Powell/Hipgnosis, verantwortlich.

Air – „The Virgin Suicides“   (Parlophone/Warner)

Anno 1998 hatten die beiden Franzosen mit dem epochalen „Moon Safari“ einen Fixstern des anspruchsvollen Easy Listenings in den ewigen Popkosmos geschossen, zwei Jahre darauf verpflichtete Regisseurin Sofia Coppola Godin und Dunckel für den Soundtrack zu ihrem verhuscht-genialen Mystery/Psychodrama „The Virgin Suicides“. Und hier zeigten die beiden dann, dass sie einiges mehr draufhaben als die hohe Kunst des Sonnenlicht-in-Songs-verwandeln. Angedeutet hatten sie das schon mit der Materialsammlung „Prémières Symptomes“, mit diesem Score nun gingen sie noch mehr in die Breite, entfalteten mit Songs wie „Playground Love“ ein ganz eigenes Flirren und erkundeten gar Progrock und Spacesounds mit treibenderen Tracks wie etwa dem hypnotischen „Dead Bodies“. Zum 15-jährigen Jubiläums dieses erstklassigen Albums veröffentlicht ihr Label Parlophone das Werk nun in einer opulenten und streng limitierten Luxusbox mit vielen Extras. Wer das schwarze Gold bevorzugt, für den gibt es auch die Vinylversion neu aufgelegt in einer sehr hörenswerten 180g-Version. Ein Muss für Sammler und Neuentdecker.

Coco Beach – „Vol. 4“ (Clubstar/Soulfood)

Fernab vom Jubel und Trubel des Partylebens auf Ibiza gibt es einen kleinen Spot, direkt am Ende des langen, weißen Sandstrandes von Playa d’en Bossa, eine paradisische Venue für den perfekten Tag auf der Insel und das schon seit 2005. So steht es im Booklet der neuen „Coco Beach Ibiza“-CD geschrieben. Und man kann nur anerkennend und lächelnd nicken. In der Tat ist das hier ein Ort wie aus dem Paradies. Und den Soundtrack dazu gibt es jetzt bereits in der vierten Auflage. Die von Paul Lomax kompilierte Doppel-CD ist passgenau auf zwei Tageszeiten abgestimmt. CD1 heißt „Sunrise Lounge“ und setzt den relaxten Groove für den Start in einen perfekten Tag auf der weißen Insel. Highlights in der gewohnt geschmackssicheren Playlist sind das unkaputtbare „Sun is Shining“ von Funkstar de Luxe, „Don’t You Worry Child“ von Beth und „Dive Deeper“ im Original-Mix von HP. Hoeger und Paul Lomax himself, featuring Jamira. Auf CD2 mit dem Namen „Sunset House“ wird der Beat etwas angezogen, der Groove wird tanzbar – dafür sorgen Tracks wie Marcapasos „Almost Anything“, Lou Van mit „Loving You“ und das exquisite „Saddle Up“ von Traumton feat. David Christie. Pflichtalbum für Ibiza-Connaisseurs.

Faithless – „Faithless 2.0“  (Warner)

Es gibt so Songs, bei denen erinnert man sich auch noch Jahre später, wann und wo man sie zum ersten Mal gehört hat. Faithless’ „Insomnia“ ist so einer. Wir sind auf dem Weg zum Proberaum, im Autoradio läuft dieser Track, der Breakdown-Part kommt – „I Can’t Get no Sleep…“ – und danach stürzt er in dieses unwiderstehliche Finale aus Melodie und Beat. Uns nahm das damals fast den Atem, wir waren kurz davor, rechts ranzufahren, wieder Luft zu schöpfen. Kurze Zeit später sahen wir die Band auf dem Roskilde-Festival live, eine der unvergesslichsten Performances dort ever. Auch zwei Dekaden danach haben diese Klassiker nichts von ihrer Strahlkraft verloren und nachdem 2011 der Split bekanntgegeben wurden, melden sich nun Maxi Jazz, Sister Bliss und Rolle spektakuläre zurück. Die Band tourt wieder und dazu hat sie ein Album extraordinaire am Start. „Faithless 2.0“ ist eine Sammlung grandioser Remixes ihrer besten Songs. „Insomnia“ etwa kommt im Avicii-Remix daher, der Nachfolgekracher „Salva Mea“ im hörenswerten „Above & Beyond“-Remix, alles Hits, natürlich, kein Ausfall. Welcome back, Faithless, und wir würden zu gern an dieser Stelle im nächsten Jahr einen Longplayer mit neuem Material vorstellen.

The Maccabees – „Marks to Prove it“ (Universal)

Es sind dies die Wochen, da die Pop-Generation von 2005 gefeiert, die britische New Wave of the New Wave. Bands wie Maximo Park, Bloc Party, die Kaiser Chiefs oder auch Franz Ferdinand lieferten unglaubliche Albumdebüts ab, nicht alle konnten die bestechende Frühform in die nächste Dekade retten. Die Maccabees kamen auch zu jener Zeit mit ihrer Debütsingle „X-Ray“ um die Ecke, aber ihr Glück war es zum einen, dass sie zu Beginn eher unter dem Radar flogen, zum anderen ihr erstes Album erst 2007 veröffentlichten, als der UK-Hype schon im Abklingen begriffen war. So konnten sich die Jungspunde aus London in Ruhe weiterentwickeln, solide Alben veröffentlichen und auf Touren zusammen etwa mit den Editors ausreichend Erfahrungen sammeln. Das alles hört man dem neuen Werk „Marks to Prove it“ an. Hier hat sich eine Band Schritt für Schritt verbessert, ist gereift, hat das stilistische Portfolio erweitert und schwingt sich nun langsam, aber sicher in die erste Reihe des Britpop anno 2015 auf. Hymnisch wie Elbow, traditionsverhaftet wie Oasis und dabei neuen Klängen und Wegen gegenüber aufgeschlossen wie zum Beispiel die Freigeister von Arcade Fire. Ein großartiges Album, das Songwriter-Tiefe mit Middle-of-the-Road-Popappeal verbindet.

Auf meinem Plattenteller

Ingo Scheel – Ibiza Style Music Editor

Air – „Moon Safari“

Mit dem Re-Release haben Air direkt wieder ihren Weg auf meinen Plattenteller gefunden, das Debüt bleibt mein Favorit, „La Femme d’Argent“ mein Lieblingssong

Faith No More – „Sol Invictus“

Was habe ich diese Band in den 90ern geliebt. Und wie gelungen und inspiriert ist ihnen das diesjährige Album-Comeback gelungen

The In-Kraut – „Vol. 1 bis 3“

Grandiose Samplerreihe mit deutschen Pop-, Schlager- und Crossover-Preziosen von Helden wie Gert Wilden, Peter Thomas und Hilde Knef, von groovy bis skurril

The Maccabees – „Spit it Out“

Es geht nicht anders bei diesem Track: Man muss ihn immer und immer nochmal hören, vom ruhigen Intro bis zur Sogkraft des Outros. Und diese Bassline erst!

Erik Cohen – „Chrom“

Der Kieler Seebär schraubt grad an seinem zweiten Epos, der perfekte Moment, um den Klassiker schlechthin von seinem Debüt „Nostalgie für die Zukunft“ wieder herzvorzuholen