Jean Claude Ades – „Appassionata / Ordinary Day“ (Be Crazy Music)

Be Crazy – das ist bei Jean Claude Ades alles: Imperativ, Anregung, Lebenseinstellung und natürlich das eigene Credo: Be Crazy. Sei verrückt. Und kreativ: Jean Claude Ades veredelt die diesjährige Sommersaison mit gleich zwei neuen Tracks, die jetzt unter der Be-Crazy-Marke erscheinen. „Appassionata“ und „Ordinary Day“ lauten die Titel und beide Tracks fügen sich bestens in das Portfolio von einem der bekanntesten DJs und Produzenten Ibizas, sein Stil so unique wie wie einfallsreich: Deep Tech-House der inspiriertesten Art, fein abgeschmeckt mit perkussiven Elementen, unwiderstehlicher Bassline und überraschenden, ungewöhnlichen Momenten. Ein moog-artiges Pattern bildet das Fundament von „Appassionata“, darauf geradezu magische Streicher-Sequenzen und Keyboard-Lines, am Boden gehalten von einer unüberhörbar wuchtigen Bassdrum. „Ordinary Day“ ist dann alles andere als ,gewöhnlich‘, wie der Titel augenzwinkernd behauptet, im Gegenteil, der Track bildet einen klanggewordenen Kickstart direkt auf das Energielevel der Hochsaison. Fließende Percussion, filigrane Drumloops, Synthie-Streicher, dazu Stereas grandiosen Vocals. Perfekt im Timing auch der raumgreifende Breakdown, der den Track schließlich rundmacht. Must-hear der Saison 2017.

Arcade Fire – „Everything Now“ (Columbia)

Dreizehn Jahre ist es schon, da setzten Arcade FIre mit ihrem Debütalbum „Funeral“ ein beachtliches Ausrufezeichen. Songs wie das vierteilige „Neighborhood“ oder das unwiderstehliche „Rebellion (Lies)“ schickten sich an, nicht weniger als den gesamten Indierock neu zu buchstabieren. Hochmelodiös, tiefschürfende Themen, großes Drama – Win Butler und seine vielköpfige Bande kombinierten verkopfte Konzepte mit eingängigem Pop, und das auch auf den späteren Platten wie „Neon Bible“ und dem exquisiten „The Suburbs“. Nach dem mit viel Kunstbrimborium in den Markt entlassenen „Reflektor“ haben die Kanadier nun via „Everything Now“ nicht nur wieder Bodenhaftung zurückgewonnen, sondern auch einen leichtfüßigen Schritt Richtung Dancefloor getan. Schon der Titeltrack verströmt latent iberischen Charme und gemahnt nicht zufällig an selige Abba-Zeiten, auch der Rest des Albums dampft nur so vor stilistisch selbstbewussten Arrangements. Was ihnen noch fehlt, um endgültig in die oberste Etage aufzusteigen, um es sich zwischen U2 und Ed Sheeran kommod zu machen? Vielleicht der eine allumfassende Hit. Aber auch im Fehlen des Hits liegt eine Qualität, denn mitten im Mainstream wird das Geläuf auch gern einmal etwas zu tief.

Ghostpoet – „Dark Days & Canapés“ (PIAS/Rough Trade)

Der Geisterpoet aus Großbritannien, bürgerlich Obaro Ejimive, bleibt ein Phänomen, ein stilistischer Freigeist, der das Kusntstück vollbringt, sich zwischen alle Stühle zu sitzen, sich dort aber ein sehr wohnliches Plätzchen eingerichtet zu haben. Auf dem Vorgänger „Shedding Skin“ hatte der gebürtige Nigerianer mit Wohnsitz London seine Soundformel erstmals voll ausgespielt: Jazziges Soundfundament an der Schnittstelle zum Indiepop, Ejimives melancholischer Rapgesang, gebettet auf triphoppigen Beats, das war das Erfolgsrezept. Mit „Dark Days  & Canapés“ vertieft er diesen Stil, und schafft es erneut, düstere Tracks zu konstruieren, die dennoch nie hoffnungslos klingen. Äußerst stimmig, dass mit Daddy G. ein Mitglied von Massive Attack auf dem Album gastiert. Tracks wie „Freakshow“, der tiefgründige „Helicopter Boogie“ oder das nüchtern beschreibende „Blind as a Bat“ werfen ein entlarvendes Licht auf das Leben in den britischen Städten am Vorabend des Brexits. Songs, die innehalten, die dahinter schauen und einen Ausblick geben. Die bei aller Dunkelheit aber auch ahnen lassen, dass es womöglich doch ein Licht am Ende des Tunnels geben könnte.

Zoot Woman – „Absence“ (Snowhite/Rough Trade)

Sie prägten einen nicht unerheblichen Teil des Klangbildes der nuller Jahre: Zoot Woman aus dem UK. Bereits 1995 als Instrumentalband gegründet, begann anno 2001 mit „Living in a Magazine“ der Siegeszug der 80s-vernarrten Dandys. Songs wie der Titeltrack, „It‘s Automatic“ oder das gigantische „You and I“ hatten den Dancefloor-Impetus von Daft Punk, die Eleganz von Duran Duran und riefen schließlich Superstars wie Madonna auf den Plan. Die Queen of Pop vertraute in der Folge ein ums andere Mal Gründungsmitglied Stuart Price die Produktion ihrer Tracks an. Der Trademark-Sound von Zoot Woman ist auch über zwei Dekaden nach dem Stapellauf beinah unverändert, nur da und dort studiotechnisch etwas modernisiert. Die Stilpalette bleibt unverändert: elektronische Delikatessen, 80s-Zitate, leicht kratzende Gitarren und klassische Beats aus der Indiedisco. „Solid Gold“ ist der Weckruf für den Tanzboden, mit „Ordinary Face“ wird der Fuß vom Gaspedal genommen, „Still Feels Like the First Time“ schließlich, eine Kollaboration mit Kylie Minogue, ist eine lupenreine Ballade zwischen Disco und Drama. „Unser Ziel war es“, so Sänger Johnny Blake, „eine Balance zu finden zwischen älter klingenden Sounds und modernen Synthesizern. Dadurch ist die Platte abwechslungsreicher geworden.“ Widerspruch zwecklos, nur mit dem Cover hätte man sich gern etwas mehr Mühe geben dürfen.

Phoenix – „Ti Amo“ (Atlantic)

Kaum eine Band hätte an dieser Stelle, in unmittelbarer Nähe zum neuen Werk von Zoot Woman, besser gepasst, als ausgerechnet Phoenix. Ungefähr zeitgleich ins Licht getreten, hatten auch die Franzosen immer ein Standbein in der Disko, das andere im Indiepop. Wo Zoot Woman jedoch mit dem Snobismus der größenwahnsinnigen 80s-Superstars flirteten, schlug das Herz von Thomas Mars und seinen immer etwas schluffig daherkommenden Bandkollegen für frankophone Klassiker zwischen „La Boum“, Familie Gainsbourg oder auch Michel Polnareff. Tracks wie „Consolation Prizes“ oder „1901“ gerieten zu Riesenhits, die Werbemaschinerie entdeckte das verkaufsfördernde Element ihrer Melodien. Nicht ganz einfach, da den Kopf als „einfache Band“ oben zu behalten und so scheinen Phoenix nun mit „Ti Amo“ allzu Kopflastiges beiseite zu schieben und machen wieder das, was sie am besten können: Melodien schreiben, die einerseits hochinfizierend sind, dabei aber immer so eben am allzu seichten Bubblegum-Pop vorbeizuschrammen.

Auf meinem Plattenteller

Ingo Scheel – Ibiza Style Music Editor

Miles Davis – „Ascenseur pour l’échafaud“

Ich hatte mir gerade erst die Vinylversion endlich zugelegt, da machte die Nachricht vom Tod Jeanne Moreaus die Runde. Ein Grund mehr, diesen elegant-düsteren Soundtrack weitere Runden drehen zu lassen

Ride – „Charm Assault“

Es gibt Songs, die gehen auch nach dem 30. Durchlauf einfach nicht vom Plattenteller herunter. Das hier ist so einer. Die Shoegaze-Comebacker Ride liefern aus dem Stand einen weiteren Klassiker für die Ewigkeit

Insterburg & Co. – „Instrumentenschlacht“

Einst prägten ihre Platten mein Humorverständnis, heute zieht meine Tochter Anni die Klassiker der Berliner Kabarett-Legenden aus dem Regal. Die Gags zuweilen etwas von 60er-Muff durchzogen, dennoch zeitlos gute Albernheiten

Steven Wilson – „To the Bone“

Die Prog-Institution der Moderne mit seinem neuen Album und wieder setzt der bodenständige Brillenträger ein Ausrufezeichen nach dem anderen. Vielschichtige Rockmusik, die Ausflüge Richtung Komplexität bestens mit astreinem 80s-Pop verknüpft

Sleaford Mods – „English Tapas“

Soeben „Bunch of Kunst“, die superbe Doku von Christine Franz über das britische Duo genossen, da müssen sie natürlich auch rotieren. Die unterhaltsamsten Meckersalven seit Johnny Rotten und Mark E. Smith