Diplo – „California“  (Becaus Music/Caroline)

Endlich mal wieder etwas Neues von Wesley Penz. Wesley wer? Zugegeben – alle Welt kennt den Mann aus Tupelo, Mississippi, nur noch unter seinem Künstlernamen Diplo, und als dieser hat er sich einen riesigen Namen gemacht, ebenso als Teil des Projekts Major Lazer. Als einer der gefragtesten Produzenten unserer Zeit hat er mit mit Acts wie Beyoncé und Justin Bieber, Madonna, Ariana Grande und Bruno Mars, Britney Spears, M.I.A. und zahlreichen anderen zusammengearbeitet. Darüberhinaus ist er ständig auf Tour, zuletzt führten ihn seine Reisen nach Pakistan, Brasilien, Nepal, China, Mexiko und Korea, um nur einige zu nennen. Nach der vielbeachteten Major-Lazer-Doku „Give Me Future“, die rund um eine Show in Havanna mit 400.000 Zuschauern gedreht wurde, gibt es jetzt mit „California“ das erste größere Diplo-Release seit fünf Jahren. Auf sechs neuen Tracks schließt sich ein erster Karrierekreis, der Bezug zum Debüt „Florida“ ist ebenso sicht- wie hörbar. Auch die Kollabos geraten selbstreferentiell und schillernd. Hier gesellen sich alte Weggefährten neben neue Stimmen: Lil Xan, Trippie Redd, DRAM sind ebenso dabei wir Lil Yachty, Desiigner, Santigold, Goldlink und MØ. Gewohnt genial!

DJ Koze – „Knock Knock“  (Pampa/Rough Trade)

Seine Fans der ersten Stunde kennen Stefan Kozalla alias DJ Koze noch als Teil des durchgedrehten Hip-Hop-Kombinats Fischmob, deren Alben wie „Männer können seine Gefühle nicht zeigen“ bist heute kultisch verehrte Klassiker sind. Deren Zeiten sind vorbei, Koze aber arbeitet ungebrochen intensiv, eigenwillig und vielseitig. Zuletzt sorgte er mit „Amygdala“ für Furore, jetzt klopft er mit „Knock Knock“ an die Türen und Ohren seiner Hörer. Allein die Gästeliste liest sich mindestens ebenso prominent wie beim Vorgänger: Roisin Murphy und Sophia Kennedy sind dabei, Speech von Arrested Development, José González und Bon Iver. Wie gewohnt gibt es bei DJ Koze nichts, was es nicht gibt, kennt der selbstbewusste Crooner, diesmal mit Basthut beschirmt, stilistisch kaum Grenzen. „Seeing Aliens“ etwa fiept wie ein Notruf aus dem All, um schließlich fingerschnippend und surrend zu einem ganz und gar irdischen Groover zu zerfließen. Kaum merklich arrangiert und doch beweglich wie Quecksilber – das macht dem Flensburger so schnell keiner nach. Immer ein wenig versponnen, dabei aber auch unverrückbar fokussiert – die zeitlose Formel von DJ Koze.

Nina Simone – „Mood Indigo“   (BMG/Warner)

Sie ist und bleibt eine der großen, geheimnisvollen und stets betörenden Persönlichkeiten des Jazz, und das auch anderthalb Dekaden nach ihrem Tod: the one and only Nina Simone. Mit „Mood Indigo (The Complete Bethlehem Singles)“ wird es jetzt ein weiteres Mal ganz klassisch. Liebevoll kuratiert, behutsam remastert sind hier legendäre Perlen versammelt. Anlass ist das 60-jährige Jubiläum ihrer ersten Aufnahmen, zudem wird die 2003 im Alter von 70 Jahren verstorbene US-amerikanische Jazz- und Bluessängerin, Pianistin und Songschreiberin endlich in die „Rock and Roll Hall of Fame“ aufgenommen. „Mood Indigo“ folgt ihren Veröffentlichungen in zeitlich originaler Reihenfolge: Vom Erstling „I Loves You, Porgy“ und der B-Seite „Love Me Or Leave Me“ bis zum legendären „My Baby Just Cares For Me“. Abgerundet wird die superb kompilierte Songsammlung durch rare Single-Versionen und eine Alternativ-Version von „He’s Got The Whole World In His Hands“, ein 24-seitiges Booklet mit Linernotes von Ashley Kahn und eine tolle Single-Replika. Eine höchst hörenswerte Reise zu den Anfängen einer der größten, ebenso widersprüchlichen wie hochtalentierten Künstlerinnen unserer Zeit.

JB Dunckel – „H+“ (Smi Col/Sony)

Bitte mal die Hand heben, wer sich auch so verzweifelt nach einem neuen Album von Air sehnt wie der Verfasser dieser Zeilen! Im Ernst: Wenn zwei Granden aus Frankreich in Sachen neue Platten überfällig sind, dann zum einen Daft Punk, zum anderen eben Air. Zumindest aus dem Lager der Letzteren gibt es jetzt Tröstliches und Wartezeit-Versüßendes. Jean-Benoît Dunckel, auch unter dem Pseudonym Darkel aktiv, fordert den geneigten Air-Anhänger denn auch gar nicht allzu sehr heraus, klingen seine Pop-Preziosen doch sehr charakteristisch nach dem luftigen Duo. Sphärische Klangteppiche, sommerliche Grooves, oft nur angedeutet und ganz behutsam ausgespielt, darüber Dunckels zuweilen etwas sonderbares Stimmchen, in dem sich „La Boum“-Naivität und französisch akzentuiertes Schul-Englisch zum Easy-Listening-Picknick treffen. Man erwarte keine Revolution und auch wer nach der dunklen Seite des „Moon Safari“-Schöpfers sucht, wird kaum fündig, stattdessen klingen Tracks wie „Hold On“, „Qwartz“ oder „Ballad non Sense“ unverkennbar frankophil, sonnendurchflutet und très relaxant.

MGMT – „Little Dark Age“ (Smi Col/Sony)

Es gibt durchaus kompetente Pop-Professoren, die MGMT heutzutage für die zeitgemäßeren Pet Shop Boys halten. In Sachen Melodien, Emotionen und Synthiepop-Annäherung mag das stimmen, dennoch: Wo Tennant & Lowe seit drei Dekaden  immer auch das großen Konzept von Bühne über Video bis Philosophie ins Konzept einarbeiten, scheint es bei MGMT grundsätzlich etwas freigeistiger, versponnener zuzugehen, oder wie sie es selbst ausdrücken: „When you’re high, you don’t have to know why.“ Über zehn Jahre sind seit dem Durchbruchs-Opus „Oracular Spectacular“ bereits vergangen, dennoch knüpft nun „Little Dark Age“, das insgesamt fünfte Studioalbum der New Yorker, unangestrengt dort an und erweitert die Soundpalette in Maßen. „Me & Michael“ zum Beispiel ist kristallklarer 80er-Jahre-Stoff, auch der Opener „She Works Out Too Much“ kommt gefühlt mit einem Raumschiff aus der MTV-Epoche daher, hochmelodiös, augenzwinkernd, dabei tiefgründig und dezent nostalgisch. So ist denn das von MGMT im Albumtitel heraufbeschworene Mittelalter gar nicht so dunkel, im Gegenteil: Melancholie verträgt sich hier bestens mit Ohrwurm-Material der unwiderstehlichsten Art.

Auf meinem Plattenteller

Ingo Scheel – Ibiza Style Music Editor

Insterburg – „Lasst uns unsern Apfelbaum“

Neue Saison, neues Glück und Anni ist natürlich wieder ganz vorn dabei. Heute gehen die ersten beiden Rotationen hier auf ihr Konto. Zum einen die unvergessene Humor-Instanz Insterburg & Co., deren schrägen Couplets und Barbershop-Songs mit skurrilem 60s/70s-Humor meine Tochter mittlerweile schon zum Aufstehen singt.

Ideal – „Bi Nuu“

Und die hier genauso: Lange fehlte mir, Verzeihung, uns das dritte Album der Berliner NDW-Legende, die Lücke in der Sammlung wurde endlich geschlossen. Und klingt dabei ganz famos und fast irritierend zeitlos.

My Bloody Valentine – „Isn’t Anything“

Gerade als ich dachte, dass das Roskilde-Line-Up für meinen persönlichen Geschmack noch etwas schwach auf der Brust ist, da gehört die Shoegazer-Legende plötzlich zur nächsten Bandwelle. Nie gesehen, aber unglaublich viel gehört – ich freue mich auf die Schließung dieser Konzertlücke.

Svartanatt – „Starry Eagle Eye“

Das können die Schweden wie kaum eine andere Musiknation: Hardrock klassischster Prägung, irgendwo zwischen Thin Lizzy, Blue Öyster Cult und CCR, ein tolles Album.

Daft Punk – „Discovery“

Neulich im Vorbeigehen jüngst „Get Lucky“ gehört und gedacht: Die wären doch in Sachen neues Album auch mal wieder fällig. Bis es soweit ist, knöpfe ich mir immer mal wieder einen Klassiker vor, Stichwort Re-Discovery. Und „One More Time“ kann bei mir bestimmt doch das eine oder andere Dutzend Durchläufe vertragen.