Auch Haute Cuisine kann Wurzeln haben, eine Erinnerung, eine Landschaft hinaufbeschwören. Mitunter verbindet sie uns sogar mit der authentischsten Essenz der Insel. Seit nunmehr 18 Saisons ist La Gaia, das Restaurant im Herzen des Ibiza Gran Hotel, Ausdruck eines Ibizas, der sich nicht im Exotischen verliert, sondern sich in ihren elementarsten Aromen wiedererkennt – persönlich, kunstvoll und erlesen. An der Spitze dieser kulinarischen Reise steht der renommierte Chefkoch Óscar Molina, der eines der eindrucksvollsten gastronomischen Konzepte der Insel verwirklicht hat.
„Ibiza ist mein Zuhause. Hier sind meine Kinder geboren. Wenn es einen Ort gibt, mit dem ich mich heute wirklich identifiziere, dann ist es Ibiza“, betont er. Im Jahr 2008 übernahm er die Küche des Hotels, um La Gaia von Grund auf zu gestalten – nicht mit großem Tamtam, sondern mit Geduld, mit Struktur, mit jener seltenen Mischung aus Ehrgeiz und Bescheidenheit, die nur aus echter Berufung entsteht. „Wir sind kein Team, das auf schnellen Ruhm aus ist. Unser Weg war kontinuierliches Wachstum – wie Ameisen, mit festen Schritten und einem Blick nach vorne“.
Heute glänzt La Gaia mit einem Michelin-Stern und zwei Repsol-Sonnen. Es bleibt seiner Philosophie treu: kompromisslose Ehrlichkeit, konsequenter Fokus auf lokale Produkte und das Versprechen, mit jedem Gericht eine emotionale und sensorische Reise zu bieten. In dieser Saison lässt sich das Erlebnis erstmals auch à la carte genießen. Im Zentrum aber stehen zwei Degustationsmenüs: Illa (Insel), früher Tanit, klassisch geprägt, und Horitzó (Horizont), ehemals Posidonia – das Menü, das wir verkosten durften. Eine Erfahrung, die uns schlicht sprachlos machte.
Ein Teil des früheren La Gaia-Raums wurde in Musa umgewandelt, eine neue Signature Bar unter der Leitung des Cocktailmeisters Daniel Martínez, die im Lobbybereich des Hotels eröffnet wurde – ein Ort, der Design, Mixologie und Kulinarik vereint und zweifellos einer der elegantesten Schauplätze für die Nächte auf der Insel werden dürfte.

Im neuen La Gaia hingegen empfängt einen sofort eine helle, ruhige Atmosphäre. Das Restaurant wurde umfassend umgestaltet und präsentiert sich nun in einem modernen, eleganten Look aus hellen Tönen und organischen Kurven, die Harmonie, Balance und Wärme ausstrahlen. Besonders hervorzuheben ist das Lichtkonzept: dezent und stimmungsvoll, dabei jede einzelne Tischszene präzise inszenierend – als sei jedes Gericht bereit, seine eigene Geschichte zu erzählen.
Die kulinarische Reise beginnt, bevor man den Tisch erreicht – zur Begrüßung am Entree gibt es raffinierte Amuse-Bouches, wie die eingelegte Tomate mit Kaviar, so zart wie verführerisch. An der zweiten Station, dem Chef’s Table, durften wir eine Carabinero-Mousse in Sphärenform kosten– intensiv und seidig – sowie eine Reminiszenz an das urmediterrane Erbe: einen Pistazienkeks mit Honig und dem lokalen Käse Ses Cabretes.
Am Tisch war das Timing makellos. Das Serviceteam bewegte sich mit Präzision, stets präsent, stets charmant. Alles lief wie ein feines Uhrwerk, das Zusammenspiel zwischen Küche und Restaurant perfekt abgestimmt. Ein Höhepunkt: die Neuinterpretation der klassischen Gambas al ajillo, mit roher Garnele, ihr zarter Corail als kraftvolle Béarnaise – flankiert von einem krossen Keks aus äthiopischem Pfeffer. Eine geschmackliche Preziose.
Beim gegrillten Hummer, begleitet von einer Sauce aus eigenem Corail, begegnete uns das wohl überraschendste Pairing des Abends: ein Amisfield Riesling von der südlichsten Insel Neuseelands – frisch, prägnant, vibrierend. Er verlieh dem Gericht – eine Hommage an den traditionellen Hummer der Insel mit Spiegelei und Bratkartoffeln – eine zusätzliche Ebene.
Weiter ging es mit schwarzen Reis, zurückhaltend in der Optik, dafür umso tiefer im Geschmack, akzentuiert mit Huitlacoche und Jalapeño. Dann ein würziger Royal vom Schwein. Vorab hatten wir eine würzige Schweinebacke mit Hoisin, eine Pebrera in zwei Texturen (eine davon als Granité ), ein spannender Kvass, neu interpretiert mit mallorquinischer Ensaimada statt Brot, sowie Artischocken, bei niedriger Temperatur gegart, serviert in einem mit Zitronengrass infundierten Iberico-Fond – dargeboten in einem Glasapparat, der an alchemistische Labore erinnerte. Vieles an dieser Darbietung erinnerte an Showcooking, wie etwa die in Lehm gegarte Zwiebel, die am Tisch aufgebrochen wird, um ihr duftendes Inneres freizulegen.
Alles war fein abgestimmt: Tempo, Intensität, die visuelle Dramaturgie jedes einzelnen Tellers. Sommelier Andrea führte uns versiert durch ein fein kuratiertes Weinprogramm: ein floraler Menade zu Beginn, später ein Champagne André Jacquart Extra Brut, der das Niveau bereits früh hoch ansetzte.
Und dann – die Desserts. Besonders beeindruckt hat uns Prados de Ibiza, ein ätherisches, leichtes Finale aus Jasmin-Eis, Blüten und Apfel. Den krönenden Abschluss bildete eine Selektion von sechs petit fours, von denen wir den mit Vanille und Maracuja hervorheben möchten – eine vibrierende, frische Geschmacksexplosion auf der Zunge.
Der rote Faden, der sich durch das Menü zieht, ist die Hingabe an lokale Produkte, so oft wie möglich direkt von der Insel. „Warum etwas von hunderten Kilometern heranschaffen, wenn mein Nachbar es mir liefern kann?“, fragt Molina. Auf seinen Tellern: Gerret, peix sec, Safran, Feigen, rote Garnele, meló eriçó – und stets eine Vision, getragen von Sensibilität und Respekt. Doch La Gaia ist weit mehr als Technik und Terroir. Es ist auch Team, Methode, Inspiration. Für Óscar Molina ist Kreativität undenkbar ohne Dialog. „Wenn es hakt, ist es das Team, das neue Wege öffnet. Die Richtung gebe ich vor, aber die Energie ist geteilt.“ Drei Menschen prägen seine kulinarische Handschrift: sein Vater, sowie die Küchenlegenden Mey Hofmann und Albert Adrià. Kochen, so Óscar Molina, ist ein Lebensweg – einer, der sich mit jeder Erfahrung weiterentwickelt.
Neben La Gaia verantwortet der Starkoch sämtliche gastronomischen Bereiche des Ibiza Gran Hotel – vom Frühstück im Costa Mara bis zu den Poolkonzepten im Mirai –, stets mit Blick fürs Detail und dem Anspruch auf höchste Qualität. Eine Struktur, die, wie er betont, nur durch eine solide Basis funktioniert: „Ein Team, das mir seit vielen Jahren zur Seite steht.“ Auf die Frage nach dem Druck, einen Michelin-Stern zu halten, antwortet er klar: „Es verändert weniger einen selbst als den Blick, den andere auf dich werfen. Du bist plötzlich nicht mehr einfach Koch – du wirst zu etwas Besonderem. Das ist nicht leicht zu tragen.“
Für die Zukunft träumt er davon, La Gaia an anderen Orten zu etablieren, ein kulinarisches Zentrum auf Ibiza zu schaffen, sein Team weiterzuführen. Doch vor allem: zu teilen. Wissen, Insel, Tisch und Erinnerung. Denn in jedem Gericht von La Gaia offenbart sich eine Lebenshaltung – eine Erfahrung zwischen Geschmack, Kunst und Emotion, getragen von der Leidenschaft und dem tiefen Engagement Óscar Molinas für sein Handwerk und seine Heimat.