Ibiza war seit jeher ein Anziehungspunkt für Kreative, Künstler und für Menschen, die sich nicht in vorgezeichnete Bahnen einfügen. Harry Russell gehört zu dieser besonderen Spezies. Als Autodidakt, Fotograf, Filmemacher und Autor ist er ein Kosmopolit, der auf der Weißen Insel eine Inspirationsquelle gefunden hat. Im Jahr 2026 blickt Harry auf zwanzig Jahre hinter der Kamera zurück und arbeitet zugleich an seinem ersten Buch, einem Werk, das auch die Geschichte eines Lebens erzählt, das von Beharrlichkeit, Mut und Abenteuerlust geprägt ist und auf besondere Weise mit Ibiza verwoben ist.

Seine Faszination für die Fotografie entstand bereits in frühen Jahren. Er erinnert sich daran, wie seine Mutter mit ihren Kameras Familienfotos schoss und alles dokumentierte. „Sie fotografierte ständig und filmte praktisch alles, was ich tat“, erzählt er. „Wenn man von klein auf immer wieder vor einer Kamera steht, prägt einen das wahrscheinlich unbewusst. Rückblickend denke ich, dass genau dort meine Anziehungskraft zur Kamera entstanden ist.“

Sein Weg zum Fotografen verlief jedoch alles andere als klassisch, sondern durch Ausprobieren, Scheitern und Beharrlichkeit. „In der Schule war ich nicht besonders erfolgreich“, sagt er lachend. „Mein Lehrer meinte damals, ich würde vermutlich nie weit kommen. Ich würde nicht behaupten, dass ich ein Naturtalent war. Aber ich war schon immer ein kreativer Mensch. Die Liebe zur Kamera und zur Kreativität haben mir eine internationale Karriere als Fotograf und Filmemacher geschenkt“.

Seine erste Ibiza-Begegnung fand 2010 statt und begann mit einer skurrilen Wendung. „Freunde haben mich als Scherz zu einem Tanz-Casting für das Zoo Project angemeldet und ich erhielt den Job“, erinnert er sich. „Ich bekam allerdings kalte Füße und flog zurück in meinen Büroalltag. Erst 2014 bin ich wieder nach Ibiza gekommen, diesmal mit einer Kamera in der Hand.“

Heute findet man ihn nur noch selten in Clubs. Stattdessen widmet er sich den leiseren Facetten der Insel. „Natur, Wohlbefinden und Sonnenuntergänge. Ich bin für die Stunden des Tages hier“, sagt er.

Als begeisterter Freediver fühlt sich Harry besonders von den Welten unterhalb der Wasseroberfläche angezogen. „Ibiza besitzt das klarste Wasser, das ich in den 53 Ländern gesehen habe“, sagt er. „Außerdem fotografiere ich unglaublich gern die alten Fischerhütten entlang der Küste. Mich interessiert das traditionelle Ibiza, das echte Gesicht der Insel“.

Seinen fotografischen Stil beschreibt er als emotional und atmosphärisch. Natürliches Licht, cineastische Farbwelten und ein Gespür für Stimmung prägen seine Arbeiten. Die meisten seiner Aufnahmen entstehen draußen, stets im Dialog mit Landschaften, Elementen oder den spannenden Kontrasten urbaner Strukturen.

Nach zwei Jahrzehnten hinter der Kamera hat Harry eine Branche erlebt, die sich grundlegend verändert hat. Sowohl die Technologie als auch die sozialen Medien.

„Ich habe angefangen, bevor es YouTube überhaupt gab. Damals arbeiteten wir noch mit Filmkameras. Ich habe sämtliche Entwicklungsstufen miterlebt, von Videobändern bis hin zu Digitalkameras. Trotzdem liebe ich alte Technik. Vor Kurzem habe ich mir wieder eine klassische Kamera gekauft.“, sagt er nachdenklich. „Die sozialen Medien haben Kunst in vieler Hinsicht zu einem Wettlauf gemacht. Wir stehen permanent unter Druck, neuen Content zu produzieren. Deshalb versuche ich heute bewusst, wieder mehr für mich selbst zu schaffen und nicht ausschließlich für Auftraggeber. Kunst verlangt nach Langsamkeit“.

Gleichzeitig gehört Harry zu den Menschen, die Herausforderungen lieben. „Ich habe ständig verrückte Ideen“, sagt er. „Und es gab in meinem Leben viele Menschen, die mir erklärt haben, warum meine Vorhaben keine Zukunft hat. Irgendwann habe ich gelernt, dieses Hintergrundrauschen auszublenden. Wenn man davon überzeugt ist, dass etwas möglich ist und die nötige Entschlossenheit mitbringt, dann kann man alles erreichen“.

Dieses Vertrauen in die eigenen Möglichkeiten wurde schon früh geprägt. Vor allem sein Vater spielte dabei eine entscheidende Rolle. „Für mich ist er bis heute eine Art Superheld“, erzählt Harry. „Er bereiste die Welt als Musiker und spielte in verschiedenen Bands. In unserem alten Haus gründete er sogar ein eigenes Plattenlabel. Und als er erkannte, dass die Musik allein keine Familie ernähren konnte, wechselte er sehr erfolgreich in die Geschäftswelt.“

Nicht unähnlich seinem Vater hatte auch Harry immer wieder den Mut, neue Wege einzuschlagen. Die Kreativität blieb dabei stets sein Kompass. Neben der Arbeit an seinem Buch organisierte und leitete er im Februar 2025 erstmals sein eigenes Kreativ- und Lifestyle-Retreat auf Bali unter dem Namen Tropic Lust.

„Ich hatte beschlossen, für die Teilnehmer eine ziemlich spektakuläre Villa zu buchen. Vernünftig war das wahrscheinlich nicht“, erzählt er. „Ich wollte das Projekt sogar absagen, weil ich noch kein einziges Ticket verkauft hatte. Trotzdem habe ich weitergemacht. Am Ende war das gesamte Retreat ausgebucht und ein voller Erfolg“.

Harry bringt einen Fotobildband über 20 Jahre seines Schaffens heraus. Derzeit ist er damit beschäftigt, die finalen 200 Fotografien aus einer geradezu überwältigenden Auswahl von über 18.000 Fotos herauszufiltern.

Er lächelt, als er darüber spricht. „Mit einem Vater aufzuwachsen, der Unternehmer und Musiker zugleich war, hat mir gezeigt, dass nahezu alles möglich ist. Die einzigen Hindernisse, die wirklich existieren, sind oft jene, die wir selbst erschaffen.“

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