Es gibt Menschen, deren Leben wie eine Brücke zwischen verschiedenen Welten ist. Kamelia Adib gehört zu ihnen. Als Unternehmerin, Kulturbeauftragte und Kuratorin setzt sie sich seit über einem Jahrzehnt für Kreativität, den Erhalt kulturellen Erbes und der Vernetzung von Kunsthandwerkern ein. Wir durften sie in ihrem Rückzugsort besuchen, um über ihre Projekte zu sprechen und darüber, wie das Hich House auf Ibiza nicht nur ihre persischen Wurzeln widerspiegelt, sondern auch jene spirituelle Energie, die seit Generationen Künstler und Visionäre anzieht.
Mit ihrer Auswanderung aus dem Iran im Jahr 2006 begann für Kamelia ein neues Kapitel. Von Dubai bis London bewegte sie sich in den Welten der Kommunikation, des Luxus und des Designs, absolvierte einen MA in Medienkommunikation sowie einen MBA im Bereich High-End Brand Management. Ihre kreative Leidenschaft führte sie zudem an das renommierte Central Saint Martins College, wo sie jene unverwechselbare ästhetische Vision entwickelte, die ihre Arbeit bis heute prägt.
Ihr unternehmerischer Geist zeigte sich früh. 2015 gründete sie Kadib, den ersten Online-Fashion-Store im Iran. Damit schuf sie eine Plattform, die unabhängigen Designern und Kunsthandwerkern ermöglichte, weit über ihre unmittelbaren Gemeinschaften hinaus sichtbar zu werden. Wirtschaftlicher Erfolg war dabei nie das eigentliche Ziel. Vielmehr wurde Kamelia von einem tieferen Anliegen angetrieben: dem Erhalt persischer Handwerkskunst und der Förderung jener Frauen, die dieses Wissen über Generationen hinweg weitergetragen haben.
Während ihrer Studienjahre und ihrer Reisen rund um die Welt erkannte Kamelia eine wachsende Nachfrage nach außergewöhnlicher Mode, die traditionelle persische Handwerkstechniken mit zeitgenössischem Design verbindet. Jede Naht stand für Stunden, manchmal sogar Wochen präziser Handarbeit. In einer Zeit, die zunehmend von Fast Fashion und Massenproduktion bestimmt wird, bot Kadib etwas Seltenes: Authentizität. Die Plattform gab persischen Künstlern die Möglichkeit, ihre Arbeiten einem internationalen Publikum zu präsentieren und sorgte dafür, dass jahrhundertealte Traditionen weiterleben konnten.
2019 eröffnete Kadib neben der Online-Präsenz einen Flagship-Store im Bikini Haus Berlin. Es folgten 44 Pop-up-Veranstaltungen rund um den Globus. In einer Zeit, in der politische Sanktionen und internationale Handelsbeschränkungen globale Sichtbarkeit besonders erschwerten, schuf Kadib Chancen und verlieh verborgenen Talenten Persiens eine Stimme.
2024 legte Kamelia Kadib ihr Projekt vorerst auf Eis, bis sich die politischen Rahmenbedingungen verändern. Zugleich öffnete sich dadurch Raum für ein neues, sehr persönliches Vorhaben, das sie gemeinsam mit einem engen Freund realisierte. Entstanden ist nicht nur ein privater Ort, sondern ein Rückzugsraum für Familie, Freunde und kreative Gleichgesinnte.
Eingebettet in die natürliche Schönheit Ibizas ist das Hich House die Summe vieler Lebenserfahrungen und zugleich eine Fortführung persischer kultureller Einflüsse und spiritueller Überzeugungen. Bereits der Name gibt einen Hinweis auf seine tiefere Bedeutung.
In der persischen Philosophie lässt sich „Hich“ am ehesten mit „Nichts“ übersetzen, allerdings nicht im Sinne von Leere, sondern von Potenzial. Der Begriff trägt eine tiefe spirituelle Bedeutung und beschreibt den Zustand, in den wir geboren werden: eine unbeschriebene Leinwand, frei von Ego, Erwartungen und Begrenzungen.
Für Kamelia wurde dieses Konzept zum Leitgedanken des gesamten Projekts. Entworfen von Soheil Farahani symbolisiert der gewölbte Eingangsbereich den Übergang von der äußeren Welt in eine innere, intensive Erfahrung. Ganz in der Tradition persischer Architektur betreten Gäste das Anwesen über einen modernen persischen Brunnen mit sanft fließendem Wasser, der den Übergang vom geschäftigen öffentlichen Raum in ein friedliches privates Refugium markiert.
Jedes Detail des Hich House wurde mit Bedacht kreiert. Bereits am Eingang empfängt die Besucher das Werk „Emerging into Nothingness“ der Künstlerin Roos Dessing, ergänzt durch poetische Kalligrafie des bekannten Musikers Bahram J. Natürliche Materialien, bewusste Designentscheidungen und handgefertigte Elemente schaffen eine Atmosphäre, die zugleich luxuriös und zutiefst erdend wirkt. In einem der Entspannung gewidmeten Bereich hat die ibizenkische Künstlerin Lala ein Bodenmandala aus mehr als 4.500 Messingelementen geschaffen. Es wurde entwickelt, um den harmonischen Energiefluss im Körper und im Raum zu fördern, und lädt zur Kontemplation und Erneuerung ein.
Kunst spielt im gesamten Haus eine zentrale Rolle. Werke persischer und ibizenkischer Künstler sind auf elegante Weise in die Gestaltung integriert. Nachhaltig gefertigte Lichtobjekte und eine organisch geformte Pergola des Künstlers Oren Heknin finden sich ebenso wie ein meisterhaft gefertigter Tisch, der Iran und Ibiza nebeneinander darstellt, oder ein magischer Teppich, der scheinbar schwerelos im Raum schwebt. Ergänzt wird dies durch Arbeiten der auf Ibiza ansässigen Designerin Jasmien Hamed. Die Zimmer tragen die Namen persischer Dichter wie Rumi oder Hafez und sind von Bedeutungsebenen durchzogen, die weit über reine Dekoration hinausgehen. Es entsteht der Eindruck, dass jedes Objekt nicht nur aufgrund seiner Ästhetik gewählt wurde, sondern wegen der Geschichte, die es erzählt.
Jenseits ihres Rufes als internationale Destination zieht Ibiza seit Jahrzehnten Menschen an, die nach Transformation, Inspiration und tiefer Verbundenheit suchen. Künstler, Musiker, Heiler und Freigeister fühlen sich von einer Energie angezogen, die sich nur schwer beschreiben lässt und doch unmöglich zu ignorieren ist. Dieser private Ort verkörpert genau diesen Geist. Er ist ein Raum, in dem kulturelles Erbe und bewusstes Leben harmonisch zusammenfinden. Ein Ort, an dem Handwerkskunst gewürdigt wird und Entschleunigung zu einer bewussten Entscheidung wird.
Für Kamelia war das Hich House immer weit mehr als ein Zuhause. Sein eigentlicher Zweck besteht darin, Menschen zusammenzubringen, Inspiration zu fördern und einen Raum zu schaffen, in dem Begegnungen frei von Zwängen stattfinden können. Es spiegelt ihre persönlichen Lebenswege wider und ist zugleich eine Hommage an das persische Kulturerbe. Vor allem aber erinnert es daran, dass dort, wo Kulturen sich mit Kreativität und gegenseitigem Respekt begegnen, etwas wirklich Außergewöhnliches entstehen kann.
